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"Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen! " (Johann Wolfgang von Goethe)

 

Mein Reisetagebuch 

Über mein Reisetagebuch möchte ich euch regelmäßig auf dem Laufenden halten und von meinen Erfahrungen mit Land und Leuten berichten. Inwiefern mir dies auch tatsächlich gelingt, hängt natürlich letztlich nicht allein von mir ab, da ich zumindest auf eine funktionierende Internetverbindung angewiesen bin. Ich bin aber recht zuversichtig, dass sich von Zeit zu Zeit eine Gelegenheit ergibt ein paar kurze Berichte einzustellen. Viel Spaß beim lesen!  

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22.11.2014

Licht und Schatten

Hola y buenas tardes a mis amigos!

Inzwischen habe ich mich schon einigermaßen gut eingelebt und mein Spanisch wird von Tag zu Tag ein klein bisschen besser. So schwer es auch sein mag, ist es doch sehr hilfreich, wenn man manchmal gar keine andere Wahl hat als Spanisch zu sprechen. Ich glaube zwar, dass ich immer noch keinen geraden Satz rausbringe aber es wissen immer alle was gemeint ist…. und das ist doch die Hauptsache. :o)

Am Wochenende habe ich mich einer Gruppe Volunteers angeschlossen und einen 2-tägigen Ausflug zum Lago de Atitlán gemacht, von dem ich euch gerne berichten möchte. Praktischerweise kann man solche Ausflüge hier über eines der vielen „Reisebüros“ in Antigua buchen. Das sind Agenturen, mit kleinen Büros in der Stadt, die sich auf Transporte und Ausflüge zu allen möglichen Zielen in Guatemala und den Nachbarländern spezialisiert haben. Im Preis inbegriffen sind meist der Transport, die Übernachtung und vielleicht noch ein oder zwei Aktivitäten vor Ort. Pauschaltourismus gibt’s also auch in Guatemala. Fehlt eigentlich nur noch der Tour Guide der mit seinem Fähnchen vorneweg läuft.

So ging es Samstag in der früh im kleinen Reisebus von Antigua aus los. Um 05.15Uhr verlassen wir die Stadt und während sich der Bus durch die Landschaft schlängelt, geht allmählich die Sonne auf. Die Gegend wird ländlicher und auf unserer Fahrt kommen wir durch einige kleinere Dörfer, die einen Eindruck über das Leben in Guatemala, außerhalb der Städte vermitteln. Durch die milchige Fensterscheibe des Busses sehe ich Menschen, die zwischen den Dörfern zu Fuß am Straßenrand unterwegs sind. Die Frauen in ihren traditionellen bunten Gewändern tragen Körbe voller Früchten auf dem Kopf. Die Männer schleppen kiloweise Brennholz durch die Gegend, denn die Stromversorgung ist noch lange nicht in alle Dörfer vorgedrungen. Auch viele Kinder tragen ihren Teil zum Lebensunterhalt auf diese Weise bei.

Der Bus brettert die Straße entlang, muss jedoch aufgrund der zahlreichen Geschwindigkeitshügel, die in regelmäßigen Abständen auf der gesamten Strecke auftauchen, immer wieder abbremsen. Zwischendurch sammeln wir immer mal wieder jemanden ein oder lassen jemanden aussteigen. Der Busfahrer hat in jedem Fall eine interessante Fahrweise.
Wir fahren eine Weile bis wir das nächste Dorf erreichen und ich frage mich, ob die Menschen mit den Körben und dem Brennholz tatsächlich den ganzen Weg bis hierher zu Fuß zurücklegen werden. Anders als in den Städten machen die Häuser der Dörfer einen eher provisorischen Eindruck. Völlig unnatürlich und deplatziert wirken da die vielen bunten Werbetafeln und Logos auf abgewetzten Plakaten, mit denen sich die kleinen Tiendas (kleine Geschäfte vergleichbar mit einem Kiosk) schmücken. Allem voran und stets allgegenwärtig sind dabei die Logos und Werbebanner der beiden größten lokalen Telekommunikationsanbieter „Claro“ und „Tigo“. Scheinbar in einem Wettstreit um die größte Werbewirkung, trifft man ihre Farben (rot bzw. blau) und die dazugehörigen Logos in nahezu jedem Dorf an.

Kaum zwei Stunden später kommen wir in Panajachel (kurz „Pana“), einer kleinen Stadt am Lago de Atitlán an. Die Stadt hat den Tourismus längst für sich entdeckt, was meistens bedeutet, dass sie dafür ein Stück ihrer Ursprünglichkeit hergegeben hat. Kaum aus dem Bus ausgestiegen, halten mir Frauen und Kinder Stoffe und selbstgemachte Werke unter die Nase. Ich stehe an einer belebten Straße, die gesäumt ist von kleinen Hostels und Geschäften, bunten Bars und Restaurants. Es ist sehr warm, bestimmt 28-30°C und der Duft von Grillfleisch, zieht von den kleinen Straßenständen herüber. Auf der anderen Seite bietet sich mir ein toller Ausblick auf den blauen See, umgeben von den drei Vulkanen „San Pedro“, „Tolimán“ und „Atitlán“. Mit einem kleinen Boot erkunden wir kurz darauf die umliegenden Dörfer, die sich ihre Authentizität besser erhalten konnten als Panajachel. Doch erst Santiago Atitlán hat soviel zu bieten, dass sich ein etwas längerer Aufenthalt und eine Rundfahrt mit dem TukTuk lohnt. Wir kommen am Haus von Maximón (gesprochen: Ma`schimon) vorbei. Maximón ist ein Volksheiliger, in Gestalt einer in etwa lebensgroßen Pupe, der von den Bewohnern Santiagos und dem Umland vereehrt wird. Die Pupe sitzt in der Mitte des Raumes auf einem Stuhl, trägt Hose, Hemd und Schuhe, einen Hut und unzählige Krawatten. Er sieht ein bisschen aus wie ein Nubbel zu Karneval in Köln. Es ist dunkel im Raum und es brennen Kerzen überall. Die Atmosphäre hat etwas Unheimliches. Ihm zu Ehren werden Opfergaben in Form von Zigaretten, Alkohol und (von den Touristen) Geld erbracht. So richtig einordnen kann ich das Ganze nicht und wenn ich es nicht zuvor gelesen hätte, hätte ich es wohl für einen Scherz gehalten. Als wir rausgehen, zahlen wir 2 Quetzales (0,20€). Ein Foto mit Maximón kostet etwas mehr (ich hab drauf verzichtet).

Schließlich komme ich hier auch das erste Mal mit der dunklen Geschichte Guatemalas in Berührung. Im Parque de la paz (Friedenspark) erinnert eine Gedenkstätte an die Opfer des Bürgerkrieges, der das Land mehr als 30 Jahre lang fest im Griff hatte. An dieser Stelle starben am 02. Dezember 1990, dreizehn Menschen bei dem Versuch für ihr Recht auf Freiheit und Gerechtigkeit einzustehen.

Als der Tag zu Ende geht, freue ich mich auf mein Bett. Wir haben uns in einem günstigen Hostel für umgerechnet 7,-€ die Nacht einquartiert. Doppelzimmer, eigenes Bad und warmes Wasser. Was will man mehr?!

Am nächsten Tag mache ich mich mit zwei anderen aus der Gruppe früh morgens auf den Weg nach Chichicastenango (kurz „Chichi“). Der Ort liegt etwa eine Stunde von Pana entfernt und lockt u.a. mit einem der größten Märkte Guatemalas (laut Wikipedia sogar der größte Mittelamerikas). Der Markt ist in der Tat recht groß und zieht sich durch viele Straßen und Seitenstraßen. Überall haben die Menschen ihre Stände aufgebaut, teilweise so eng beieinander, dass es zum Besucherstau kommt. Es sind sehr viele Einheimische auf dem Markt und neben bunten Stoffen und diverser Handwerkskunst werden auch, Klamotten (2nd Hand), Elektronikartikel und Tiere angeboten. Letztere können einem dabei nur leid tun weil sie nicht viel anders als die übrigen Artikel behandelt werden. Auf mich wirkt der Markt ehrlich gesagt nicht viel anders als die anderen Märkte, abgesehen von der Größe.

Ein weiteres Highlight bei unserem Besuch in dieser kleinen Stadt, ist der Friedhof. Über die Widersprüchlichkeit dieser Aussage bin ich mir durchaus bewusst. Wer diesen Ort jedoch gesehen hat, weiß was ich meine. Auch hier gibt es Gräber und sogar kleine Mausoleen ganzer Familien. Der Ort wirkt aber keinesfalls traurig. Denn anders als in Deutschland leuchten die Gräber, Grabsteine und kleinen Häuser hier in den buntesten Pastellfarben. Es wirkt fast als hätte sich jemand einen makaberen Scherz erlaubt. Aber letztlich passt es einfach zu diesem Land und ist genau die Art zu leben, die diese Menschen so besonders macht.

Als wir uns ein wenig Abseits der Massen bewegen und ich gerade meine soeben erworbene Gatorade-Flasche mit einem beherzten Schluck leere, bemerke ich einen kleinen guatemalteco Jungen neben mir. Der Junge ist etwa fünf Jahre alt, vielleicht sechs. Äußerlich wirkt er ein wenig vernachlässigt, in der Hand hält er ein Körbchen mit selbstgemachten Schlüsselanhängern, die er mir mit großen Augen und ohne etwas zu sagen anbietet. Als ich freundlich ablehne und mich gerade auf den Weg machen will, legt er das Körbchen weg und zupft mich am Ärmel. Es dauert ein wenig bis ich verstehe was er möchte. Er schaut auf meine leere Flasche und kann seinen Blick kaum noch von ihr abwenden. Er würde gerne etwas zu trinken haben. Nun stehe ich da und mit einem Mal fühle ich mich schlecht. Einerseits weiß ich, dass man auf bettelnde Kinder nicht eingehen soll, da der Erfolg sie (oder vielmehr die Eltern) nur darin bestärkt weiterzumachen. Andererseits will er ja kein Geld, sondern einfach nur einmal in den Genuss kommen, den ich mir täglich und völlig beiläufig gönne. Was wenn ich diesem Kind damit jetzt wirklich eine Freude machen könnte? Ihm für gerade mal 0,80€ ein Lächeln ins Gesicht zaubern könnte? Wie so oft siegt das Herz über den Kopf und dieser Sieg bringt mich letztlich dazu, zurück in den Laden zu gehen und ihm etwas zu Trinken zu kaufen. Ich bin mir bewusst, dass dies nicht der richtige Weg ist, da die Kinder so zum Betteln animiert werden. Aber ich habe es einfach nicht übers Herz gebracht, aufzustehen und zu gehen. Ich erlebe an diesem Tag noch weitere ähnliche Situationen und muss noch häufig daran denken. Hier spüre ich das erste Mal die Armut in diesem Land und es wird nicht das letzet Mal sein….Am frühen Abend geht es wieder zurück nach Antigua und mir bleiben viele Eindrücke die es zu verarbeiten gilt. Ich möchte insbesondere einen Weg finden, wie ich solche Situationen zukünftig besser bewältigen kann. Ich bin sicher mir fällt etwas ein.

Vorschau: Für das kommende Wochenende ist eine 2-tägige Tour nach Quetzaltenango (Xela), nach Guatemala City die zweitgrößte Stadt Guatemalas, geplant. Mal sehen was mich dort alles erwartet. Ich werde berichten!



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