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"Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen! " (Johann Wolfgang von Goethe)

 

Mein Reisetagebuch 

Über mein Reisetagebuch möchte ich euch regelmäßig auf dem Laufenden halten und von meinen Erfahrungen mit Land und Leuten berichten. Inwiefern mir dies auch tatsächlich gelingt, hängt natürlich letztlich nicht allein von mir ab, da ich zumindest auf eine funktionierende Internetverbindung angewiesen bin. Ich bin aber recht zuversichtig, dass sich von Zeit zu Zeit eine Gelegenheit ergibt ein paar kurze Berichte einzustellen. Viel Spaß beim lesen!  

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01.12.2014

Eine ereignisreiche Woche...

Nun ist es bald soweit und meine Zeit in Antigua (Guatemala) geht zu Ende. Es sind tatsächlich schon drei Wochen vergangen und ich weiß schon jetzt, dass ich einiges vermissen werde. Auch mein Spanischunterricht in der Sprachschule Sevilla geht damit zu Ende. An meinem letzten Schultag erhalte ich zwar kein Abschlusszeugnis von meinem Lehrer Domingo, dafür aber eine kleine Stadtführung durch Antigua, denn er ist hier aufgewachsen. In der Tat sehe ich Ecken in die ich mich bis dato noch nicht vorgewagt habe. Nicht etwa weil sie mir suspekt erschienen, vielmehr weil sie zu sehr am Rand der Stadt und damit einfach zu weit entfernt liegen. Aber auch hier, in den letzten Winkeln dieser alten Stadt findet man hinter Ruinen und alten Gemäuern kleine Museen, Ausstellungen und Cafés. Ich entdecke ständig Neues und habe das Gefühl diese Stadt erst gestern betreten zu haben. Während wir gehen, unterhalten wir uns über das Leben in Guatemala. In einem unserer letzten Gespräche habe ich bspw. bereits erfahren, dass kaum ein Einheimischer eine Krankenversicherung hat. Während es für uns selbstverständlich ist zum Arzt zu gehen wenn wir krank sind, werden hier viele Krankheiten zunächst von zu Hause, auf sehr abenteuerliche Art und Weise selbst behandelt, um den Kosten zu entgehen. Dabei ist der Gang zum Arzt mit umgerechnet 30,-EUR noch nicht mal das Teuerste. Die zur Behandlung notwendigen Medikamente sind für die meisten Menschen in Guatemala einfach unerschwinglich oder schlichtweg nicht Verfügbar. Aus diesem Grund hat sich bereits ein florierender Schwarzmarkt mit gestohlenen oder gefälschten Medikamenten in Guatemala etabliert.

Wieder zurück in der Sprachschule schenke ich Domingo, zum Abschluss für die schöne und lehrreiche Zeit, eine Flasche Zacapa Centenario Rum. Er erzählte mir vor ein paar Tagen, dass er diesen besonders schätzt. Domingo ist ein klasse Lehrer und er war wirklich sehr geduldig mit mir, insbesondere wenn er mich zum 20. Mal auf denselben Fehler aufmerksam machen musste. Die vielen verschiedenen Endungen können einen aber manchmal auch wirklich verrückt machen. :o)
Wie in den meisten Fällen weiß Domingo noch nicht, ob er nach mir in der nächsten Woche einen neuen Schüler oder eine neue Schülerin bekommt. Die Rechnung ist einfach: Kein Schüler, kein Geld. Für diesen Fall wird er bald damit beginnen kleine Häuser aus Plätzchenteig für die bevorstehende Weihnachtszeit zu backen und zu verkaufen – Domingo ist nämlich eigentlich gelernter Bäcker. Er erzählt mir wie er die Häuschen mit Süßigkeiten dekoriert und malt mir ein Bild dazu. Er wird diese anschließend an seiner Haustür oder im örtlichen Krankenhaus verkaufen. Tatsächlich verkaufen viele Menschen Produkte wie Tortillas, Brot oder Gemüse an der eigenen Haustüre. So auch meine Gastfamilie - „Vende Choco bananos“ steht über der Eingangstür zur Straße hin. Das sind gefrorene Bananen am Stiel mit Schokolade überzogen. Lecker!!

Bevor wir aber nun schon vom Ende meiner ersten Etappe in Antigua sprechen, bin ich euch noch einen kurzen Bericht von meinem Wochenendetrip nach Quetzaltenango (oder kurz „Xela“ wie es in der Maya-Sprache heißt) schuldig. Xela hat mir ganz gut gefallen, insbesondere weil der Tourismus hier bis dato kaum zum Zug gekommen ist. Das lässt sich jedoch auch leicht erklären, denn wer sich nicht gerade für koloniale Architektur begeistert oder zum Wandern durch die umliegende Landschaft hier ist, dem könnte schnell langweilig werden. Ich bin mit einer kleinen Gruppe aus Antigua unterwegs und wir übernachten in einem Hotel direkt am schönen Parque Centro América, um den sich auch die meisten kolonialen Bauwerke und Museen tummeln. Verschiedene Cafés und Restaurants laden dazu ein, den Tag ebenso entspannt ausklingen zu lassen, wie er begonnen hat. Tipp: Café Baviera hat nicht nur ein schönes Ambiente sondern auch ein sehr umfangreiches Frühstücksangebot! Als kleines Highlight bietet der „Cerro El Baúl“ („Cerro“ bedeutet Hügel) zudem eine spektakuläre Sicht über die Stadt. Hier kommen am Wochenende die Familien aus Xela und den umliegenden Dörfern her und verbringen Zeit beim Picknick oder schmeißen den Grill an. Hin und zurück kostet es ca. 100 Quetzales (ca. 10,- EUR), was bei fünf Personen gerade einmal 2,- EUR für eine ca. 25minütige Taxifahrt bedeutet. Ja richtig, fünf Personen und ich bin sicher, der Taxifahrer hätte noch Platz im Kofferraum gehabt.

Als wir uns am Sonntag schließlich wieder auf den Weg zurück machen wollen, warten wir zunächst 1,5 Stunden vergeblich auf unseren Bus. Am Telefon erhalten wir die Information, dass der Bus eine Panne hatte und nur bedingt fahrtüchtig sei. Das hält den Busfahrer jedoch nicht davon ab, uns 15min. später in sein Fahrzeug zu schieben, nur um uns anschließend an der nächsten Tankstelle zwei Stunden auf einen Ersatzbus warten zu lassen. Das ist zwar ärgerlich aber angesichts der Fahrzeugzustände in Guatemala nicht besonders verwunderlich. Es ist inzwischen Dunkel und wir fahren, sichtlich ermüdet, in unserem Ersatzbus durch die Nacht, Richtung Antigua. Alles ist ruhig, die meisten schlafen, nur der Motor des Fahrzeugs summt gleichmäßig und vertrauenserweckend vor sich hin. Die Lichter der kleinen Stadt, die wir hinter uns gelassen haben, verblassen langsam und es wird dunkel um uns herum. Im Lichtkegel des Scheinwerfers tauchen immer wieder herrenlose Hunde am Straßenrand auf, die nach etwas essbarem suchen. Ein Anblick an den ich mich scheinbar immer noch nicht gewöhnt habe. Als sich die Vegetation um uns herum für einen Augenblick lichtet, eröffnet sich mir, durch die großen Seitenfenster des Busses, ein unvergesslicher Blick auf einen endlosen Sternenhimmel. Ich bin überwältigt von diesem Anblick, denn noch nie sah ich soviele Sterne am Nachthimmel. Mit jeder Kurve die der Bus durch die nächtliche Stille nimmt, erhalte ich ein neues Sternenbild. Die vorbeiziehenden Silhouetten vereinzelter Bäume und Sträucher unterbrechen das Schauspiel und holen mich zurück in die Realität. Ich öffne das Fenster ein Stück, schließe die Augen und lasse mir den lauwarmen Wind ins Gesicht wehen. In diesem Moment weiß ich, dass dies einer der Augenblicke ist, die bleiben.

Zurück in Antigua steht schon bald die nächste Aktivität auf dem Programm. Ich will den Vulkan Pacaya ca. 40km südöstlich von Antigua bezwingen. Der rund 2500m hohe Vulkan ist zwar aktiv aber derzeit gefahrlos zu besteigen. Ich buche eine Tour über meine Sprachschule, die die Organisation gerne übernimmt. Doch schon auf dem Weg zum vereinbarten Treffpunkt mache ich eine unerwartete Begegnung. Ein Mann, ich schätze ihn auf etwa Anfang 60 Jahre, ruft mich wie aus dem Nichts und kommt mit schnellen kurzen Schritten von der anderen Straßenseite auf mich zu. Seine Stimme klingt hilfesuchend. Er ist recht klein und hat ein rundes, freundliches Gesicht. Seine Kleidung ist einfach aber in seiner langen Stoffhose und dem Hemd macht er einen gepflegten Eindruck. Ich habe eine Ahnung worauf diese Begegnung hinauslaufen wird, möchte aber nicht unhöflich sein und bleibe stehen. Der Mann steht vor mir und erzählt seine Geschichte. Er kann mir dabei kaum in die Augen schauen, denn es scheint ihm unangenehm zu sein. Ich verstehe nur einen Bruchteil dessen, was er mir zu sagen versucht, höre aber heraus dass es um seine Frau geht, die Krank sei oder eine Verletzung hat. Eigentlich warte ich nur auf ein Wort („Dinero“ für Geld), dass mir am Ende einer solchen Konversation immer zu verstehen gibt, was mein Gegenüber eigentlich von mir möchte. Der Mann aber holt eine leere Medikamentenschachtel aus der Hosentasche und deutet mit bitterer Miene auf den Preis von umgerechnet etwas über 20,00EUR. Während er noch versucht zu erklären, was es damit auf sich hat, fängt er an zu weinen. Er versucht gegen die Tränen anzukämpfen und seine Erläuterungen fortzusetzen aber ihm fehlt die Stimme. Da steht nun dieser kleine Mann weinend vor mir und am liebsten würde ich ihn in den Arm nehmen. Während er sich beruhigt fasse ich den Entschluss ihm zu helfen. Ich habe inzwischen schon einiges erlebt und gesehen aber damit hatte ich nicht gerechnet. Wenn es eine Masche ist, dann ist sie besser als alles was ich bisher hier erlebt habe. Wie dem auch sei, reiche ich dem Mann mein Geld, die Hälfte dessen was er braucht, aber alles was ich hergeben kann. Hätte ich die Zeit gehabt, vielleicht wäre ich mit ihm in die Apotheke gegangen, um das Medikament zu kaufen. So werde ich aber sicher nie erfahren, was mit dem Geld passiert. Vielleicht ist es besser so. Aber selbst wenn er sich nun davon etwas zu essen kauft oder seine Stromrechnung bezahlt – ich bin sicher es findet eine sinnvolle Verwendung, denn die Menschen hier können es sich nicht leisten leichtfertig damit umzugehen. Er wischt sich die Tränen aus dem Gesicht, lächelt und bedankt sich sehr ausführlich. Hier trennen sich unsere Wege ebenso schnell wie sie zusammengefunden haben. In diesem Moment muss ich an den kleinen Jungen aus ChiChi denken. Ich frage mich, wie viele dieser Begegnungen ich noch machen werde und ob es einen Punkt gibt, an dem sie mich nicht mehr berühren - ich hoffe nicht.

Kurz darauf mache ich mich weiter auf, zu meinem Treffpunkt wo bereits der Bus mit rund zehn weiteren „Bergsteigern“ auf mich wartet. Die Fahrt zum Pacaya dauert etwa eine knappe Stunde. Dort angekommen, werden wir von unserer „Bergführerin“ begrüßt. Sie erläutert kurz den Ablauf und dann geht es auch schon los. 1,5h rauf und 1,5h wieder runter. Eine entspannte Sache also… ;o) Schon nach den ersten zehn Metern werden wir von drei Pferden und ihren Begleitern verfolgt die sich immer wieder mit dem Begriff „Taxi“ anbieten. Wie bitte? Taxi? Wer bucht denn bitte eine Vulkantour um sich anschließend hochtragen zu lassen? Unter gewissen Umständen hätte ich dafür sicher Verständnis aufgebracht. Aber keine zehn Minuten später sitzen ein Amerikaner und seine Frau, beide etwa Mitte vierzig und ohne erkennbare Gebrechen, auf den (in meinen Augen) viel zu kleinen Pferden, die sich mühsam ihren Weg nach oben erkämpfen. Für einen Moment bin ich sprachlos und Brandon, der schon eine Weile neben mir läuft, muss leise lachen. Der 27jährige Australier ist ebenso amüsiert wie fassungslos, genau wie ich. Brandon ist bereits seit März (!!) in Süd- und Mittelamerika unterwegs und derzeit auf einem Zwischenstopp in Antigua. Morgen geht’s für ihn weiter nach Belize. Wann er wieder nach Hause fliegt weiß er noch nicht, das entscheidet er wenn es soweit ist. Das nenne ich eine entspannte Grundhaltung. Ich quetsche ihn über die Länder aus, die er schon gesehen hat und ich noch vor mir habe. Dadurch erhalte ich einige nützliche Informationen zu Transportkosten und Fahrzeiten, Grenzübergängen und vieles mehr… Wir sind uns auf Anhieb sympathisch und in solchen Moment bedaure ich, dass diese Begegnungen immer nur für den Augenblick sind.

Der Weg nach oben gestaltet sich zunächst steil und beschwerlich, wird aber zunehmend leichter. Wir laufen auf einem befestigten Trampelpfad durch den Vulkanwald. Oben angekommen wird die Luft kühler und wir stehen im Nebel. Genau genommen sind es die Wolken die hier oben an uns vorbeiziehen. Aus der Nähe sehen sie nur leider nicht so fluffig aus wie vom Flugzeug aus. Die Spitze des Vulkans können wir aufgrund der Wetterbedingungen leider nicht besteigen. Von hier aus haben wir einen tollen Blick auf einem abgekühlten Lavastrom, der vor ca. acht Monaten rund drei Kilometer ins Tal geflossen ist. Aber so kühl wie er scheint, ist nur die Oberfläche. Aus der Nähe betrachtet stellen wir fest, dass aus kaum 30cm Tiefe eine enorme Hitze emporsteigt. Es dauert nicht lange und wir halten Marshmallows, auf Stöcke gespießt, in die „Tiefe“. Der Lavastrom hat ringsherum alle Bäume und Sträucher absterben lassen und durch den Nebel hat die Umgebung etwas Unheimliches. Im Dunkeln möchte ich hier eigentlich niemand mehr stehen. Das ist auch der Grund, warum wir uns kurz darauf wieder auf den Weg nach unten machen. Zu spät, denn die letzte halbe Stunde laufen wir im Stockdunkel durch den Wald – diesmal ohne Pferde, zum Leid einiger Anwesender. Irgendwann hat sich uns auch ein Park-Ranger angeschlossen (ich habe keine Ahnung wo der plötzlich herkam), um uns sicher nach unten zu begleiten. Einerseits gibt mir seine Anwesenheit Sicherheit, andererseits erinnert sich mich daran, dass es nicht überall sicher zu sein scheint. Kurz darauf sitzen wir wieder wohlbehalten im Bus, zurück nach Antigua. Ein tolles Erlebnis!

In Kürze möchte ich euch von meinem persönlichen Highlight auf dieser (bisherigen) Reise berichten. Der Bericht wird auch bestimmt nicht so lang wie dieser ;o)



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