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"Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen! " (Johann Wolfgang von Goethe)

 

Mein Reisetagebuch 

Über mein Reisetagebuch möchte ich euch regelmäßig auf dem Laufenden halten und von meinen Erfahrungen mit Land und Leuten berichten. Inwiefern mir dies auch tatsächlich gelingt, hängt natürlich letztlich nicht allein von mir ab, da ich zumindest auf eine funktionierende Internetverbindung angewiesen bin. Ich bin aber recht zuversichtig, dass sich von Zeit zu Zeit eine Gelegenheit ergibt ein paar kurze Berichte einzustellen. Viel Spaß beim lesen!  

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04.12.2014

Nuestro futuro

Es ist Donnerstag 13:30Uhr und Maria holt mich bei unserer Gastfamilie ab. Gemeinsam steigen wir in den Chicken Bus nach Ciudad Vieja, einem Nachbarort von Antigua. Die Fahrt dauert ca. 25min. und spanische Popmusik dröhnt aus den Lautsprechern. Wir werden begleitet von einem Mann der Freiwilligen Feuerwehr, der vorn im Bus steht und am Ende eines endlosen Monologs um eine Spende bittet. Er trägt normale Kleidung aber auf dem Kopf einen Feuerwehrhelm. Dass die Musik im Bus lauter ist als er stört ihn kaum. Er macht nicht den Eindruck als rechne er damit, dass die Leute ihm zuhören oder jemals jemand eine Frage stellt. Ich quetsche zwei Quetzales (0,20€) durch den Schlitz der Sammelbox und erhalte dafür ein dankendes Lächeln. Die „Bomberos“, wie sie sich nennen, finanzieren sich fast vollständig über Spenden und freiwilligen Helfer. Man trifft sie daher auch häufig in gut frequentierten Straßen mit einer Spendenbox in der Hand. Eine zweite Kategorie von „Mitfahrern“ im Chicken Bus sind die Prediger. Der Prediger steht auch vorn im Bus und hält einen Monolog, allerdings ohne Spendenaufruf (zumindest habe ich es nicht erlebt). Hier steht wohl tatsächlich die „Botschaft“ im Vordergrund. Wenn er fertig ist, steigt er einfach wieder aus und macht Platz für den Nächsten. Die dritte und letzte Kategorie von Mitfahrern sind schließlich die Verkäufer, die häufig mit Lebensmitteln wie Nüssen o.ä. durch die Reihen gehen - egal wie voll es ist. Also langweilig wird es nie im Bus. :o)

Wir zahlen umgerechnet 0,60€ und springen kurz darauf aus dem Bus. Springen trifft es, denn wirklich anhalten kann er nicht. Zeit ist Geld! Der Ort ist, anders als Antigua, ein Stück echtes Guatemala. Je weiter wir die Straße hinaufgehen, desto desolater ist der Zustand der Häuser, die teilweise bald nur noch aus rostigem Wellblech bestehen. Dazwischen behaupten sich kleine Tiendas, die Kleidungsstücke für 5Q (0,05€ !!) raushauen. Keine Lumpen sondern durchaus ansehnliche (Second Hand-) Kleidung. Ich frage mich, wie man mit diesen Preisen ein Geschäft machen kann. Auf der Straße ist reges treiben. Kinder spielen Fußball mit einer leeren Wasserflasche, Motorräder werden zerlegt und wieder zusammengebaut und LKWs beliefern die kleinen Geschäfte mit allerlei Lebensmitteln. Wie in Antigua, ist es auch hier laut und es stinkt nach Abgasen. Wir müssen ein Stück bergauf gehen, bis wir am Ende der Straße an ein großes Tor kommen. Darüber steht „Nuestro futuro“ („Unsere Zukunft“) und ich höre lautes Kinderlachen. Ich bin etwas aufgeregt, denn heute besuche ich die Schule, in der Maria seit einigen Monaten ein Volontariat absolviert, um dort mit ihr eine Stunde Kunstunterricht zu geben.

Als ich durch das Tor den Schulhof betrete, herrscht reges Treiben. Die Kinder lachen und rennen wild durcheinander. Einige hüpfen über ein Seil und andere spielen Fußball. Sportunterricht! Im vorbeigehen schauen mich die Kinder an und ich winke ihnen vorsichtig zu. Ein Mädchen lächelt, reicht mir die Hand und sagt „Hola, Buenos tardes. Cómo estás?“. Ich antworte und bin etwas überrascht, denn ich hatte mit einer weit zurückhaltenderen Reaktion gerechnet. Von den meisten Kindern in Deutschland bin ich (zumindest am Anfang einer Begegnung) ein gewisse „Aufwärmphase“ gewohnt. Hier läuft das anders. Kaum habe ich dem Mädchen die Hand gereicht, habe ich die nächste im Gesicht. Und die nächste. So geht es, bis sich ca. zwölf Kindern um mich versammeln und ich jedem die Hand gebe. Alles noch bevor ich überhaupt einen Klassenraum betreten habe. Ich bin überwältigt von dieser Offenheit und strahle über das ganze Gesicht. Wir schlagen uns durch bis ins „Lehrerzimmer“ im Obergeschoss. Hier treffe ich weitere Freiwillige und gemeinsam bereiten wir jeder seine Unterrichtsstunde vor. Für die heutige Kunststunde hat Maria Papierboote vorbereitet, die die Kinder im Unterricht mit einem Segel, einem Anker und viel bunter Farbe dekorieren sollen.
Wir kommen in unseren Klassenraum und die rund 25 Kinder, ich schätze sie alle auf sieben oder acht, rennen wild durcheinander. Der Raum besteht zunächst mal aus nicht viel mehr als Betonwänden und ein wenig Mobiliar. Er wirkt im ersten Moment recht karg. Die Kinder sitzen sich mit ihren „Stuhltischen“ (ich weiß leider nicht wie die Dinger heißen aber man sieht sie immer in den US Highschool-Filmen) gegenüber. Inwiefern diese Sitzordnung für den Unterricht sinnvoll ist, finde ich bis zum Ende meiner Stunde leider nicht mehr heraus. Mit im Raum sitzt eine Lehrkraft der Schule, die sich aber dezent im Hintergrund hält. Ich tippe darauf, dass sie eingreift, sollten die Kinder die Macht an sich reißen. Maria begrüßt die Kinder und erhält eine Antwort im Chor. Sie stellt mich vor und als ich die Kinder versehentlich mit „Guten Morgen“ („Buenos días“) begrüße, schallt es mit 25 Kinderstimmen zurück: „Buenos tardes!!!!“. Diese Lektion habe ich gelernt. Mein erster Tadel nach kaum mehr als fünf Minuten. Ich denke das wird mir so schnell nicht wieder passieren aber ich kann mir das Lachen nicht verkneifen. Noch bevor Maria den Arbeitsauftrag zu Ende erklären kann, stehen schon die ersten Kinder vor ihr. Sie wollen die vorbereiteten Schiffe an die anderen Kinder aus der Klasse verteilen. Schließlich möchte jede/r diese „entscheidende“ Rolle übernehmen. Die Kinder fangen an zu basteln und es dauert nicht lange, da male ich für das Erste einen Anker und eine Piratenflagge. Das Prinzip in diesem Fall ist einfach: Malst du es für eines, malst du es für alle! Die nächsten 15 Minuten bin ich damit beschäftigt genau dies zu tun. Eher schlecht als recht, aber die Kinder scheinen mit meiner Arbeit zufrieden zu sein, denn es gibt keine Reklamationen. Alles geht mit einer unheimlichen Lautstärke aber auch mit unglaublich viel Spaß vonstatten. Als für einen Moment alle beschäftigt sind, hole ich die Kamera heraus und versuche ein paar Fotos zu machen. Eines der Kinder möchte auch ein Bild mit meiner Kamera machen - das war mein zweiter Fehler für diesen Tag. Das Prinzip „Will eine/r, wollen alle!“ greift auch hier. Kaum 829 Fotos und 5 Videos später ist die Stunde beendet. Alle Kinder haben ihre Boote dekoriert und eines hat Maria und mir in der Zeit sogar noch ein Bild gemalt. Ich habe unterdessen Schwierigkeiten meine Kamera und mich aus dem Gewühl von Kinderhänden zu befreien. Einige umarmen mich wie einen dicken Baumstamm, andere halten meine Hände, eines klebt an meinem Rücken. Erst der Lehrerin gelingt es, das Szenario zu beenden. Ich verabschiede mich von den Kindern und einige möchten eine Umarmung. Nichtsdestotrotz erwarten sie nicht, mich morgen wiederzusehen, denn es ist ihr letzter Schultag. Von nun an sind Ferien. Nicht für alle ein Grund zur Freude, denn einige müssen in der schulfreien Zeit auf dem Feld arbeiten, Schuhe putzen oder kleine Schlüsselanhänger auf der Straße verkaufen. Ich hoffe jedoch, dass ich einigen von Ihnen einen schönen letzten Schultag bereitet habe.

Als wir gehen bedaure ich, kein Volontariat an dieser Schule absolviert zu haben. Die Herzlichkeit und Offenheit die diese Kinder an den Tag gelegt haben, hat mich schlichtweg überwältigt. Ich hatte lange nicht mehr so viel Spaß! Ohne zu zögern kann ich behaupten, dass dies mein bis dahin schönstes Reiseerlebnis war.



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