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"Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen! " (Johann Wolfgang von Goethe)

 

Mein Reisetagebuch 

Über mein Reisetagebuch möchte ich euch regelmäßig auf dem Laufenden halten und von meinen Erfahrungen mit Land und Leuten berichten. Inwiefern mir dies auch tatsächlich gelingt, hängt natürlich letztlich nicht allein von mir ab, da ich zumindest auf eine funktionierende Internetverbindung angewiesen bin. Ich bin aber recht zuversichtig, dass sich von Zeit zu Zeit eine Gelegenheit ergibt ein paar kurze Berichte einzustellen. Viel Spaß beim lesen!  

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12.12.2014

Hoher Besuch

Heute freue ich mich, euch von einer ganz besonderen Begegnung erzählen zu dürfen. Ein Treffen, auf das ich mich schon sehr lange gefreut habe und das nun endlich stattfand. Letzte Woche hatte ich die großartige Gelegenheit, mein Patenkind Kenner persönlich kennenzulernen. Kenner ist neun Jahre alt und wohnt zusammen mit seinen Eltern und den sechs Schwestern im Westen Guatemalas. Vor rund zwei Jahren nahm ich Kenner über die Organisation World Vision als mein Patenkind auf und seit dem schreiben wir uns regelmäßig. Eine solche Patenschaftsbeziehung lebt natürlich zum Einen von einem monatlichen Spendenbeitrag, mit dessen Hilfe Kenner bspw. die Vorzüge einer medizinischen Grundversorgung und eine persönliche Betreuung durch World Vision erhält. Zum Anderen aber, und das ist der weit wichtigere Teil, lebt sie von der gegenseitigen Zuneigung und Aufmerksamkeit, von schönen Briefen, kleinen Geschenken und in manch glücklichen Fällen auch einem persönlichen Treffen.

Die komplette Organisation, von der Kontaktaufnahme zur Familie über die An- und Abreise bis zum (traurigen) Abschied, übernimmt dankenswerterweise ein Mitarbeiter von World Vision Guatemala. Noch in Deutschland habe ich mich darum bemüht, ein persönliches Kennenlernen in die Wege zu leiten, denn natürlich benötigt ein solches Unterfangen auch eine gewisse Vorlaufzeit. In Guatemala habe ich mich dann direkt mit Francisco von World Vision Guatemala in Verbindung gesetzt, um die Einzelheiten zum Ablauf zu besprechen.
Am Dienstag klingelt es pünktlich um 07:30Uhr an der Haustür meiner Gastfamilie. Vor der Tür steht ein Mann Mitte dreißig, mit grau meliertem Vollbart und einer abgewetzten World Vision Basecap, an der ich ihn als meinen Begleiter erkenne. Auf dem Weg unterhalten wir uns viel über World Vision, Guatemala’s Politik und seine Geschichte, über die Menschen, ihre Gepflogenheiten und natürlich den anstehenden Besuch. Ich nutze die Gelegenheit um all meine Fragen loszuwerden, die sich seit meinem Aufenthalt in Guatemala angesammelt haben und die er bereitwillig und ausführlich beantwortet. Ich löchere ihn wie ein kleines Kind und frage alles was mir einfällt, jedes Mal mit der Ankündigung „One last Question“. Es ist mir fast unangenehm - aber nur fast, denn Franc antwortet bereitwillig und ausführlich. Auch meine Fragen im Bezug auf World Vision und meine Patenschaft werden umfassend beantwortet. Auf unserem Weg halten wir an einem Supermarkt, um für die Familie einzukaufen. Reis, Bohnen, Salz, Seife, Plätzchen, Gewürze, Saft und noch einiges mehr. Grundnahrungsmittel im Wert von 75,-€ mit denen die 9-köpfige Familie rund einen Monat auskommt. Noch in Deutschland habe ich mir ein paar Gedanken zu einem schönen Geschenk für Kenner gemacht. Letztlich sind es drei geworden. Ein kleines Buch über das Kölner Märchen der „Heinzelmännchen“ (Aber natürlich auf Spanisch!) Ein kleiner Lego-Roboter und das Fußballtrikot der deutschen Nationalmannschaft mit seinem Namen darauf.

Kaum fünf Stunden und 96 Schlaglöcher später kommen wir am Büro von World Vision in El Tumbador an. Hier findet auch das Kennenlernen statt. Der Ort ist klein, hat ein paar Geschäften und erinnert ansonsten sehr an meinen Besuch in Ciudad Vieja. An den Blicken der Menschen erkenne ich, dass sich nur selten jemand von „außerhalb“ hierher verirrt. Noch in Deutschland erfuhr ich, dass der Besuch, zum Schutz des Kindes, nicht an seinem Wohnort stattfinden kann. Es wäre sonst möglich, das Kind und seine Familie erneut und ohne Begleitung von World Vision zu besuchen. Dadurch sollen zum Einen unangenehme Situationen für alle Beteiligten vermieden werden, die durch kulturelle oder sprachlich bedingte Missverständnisse entstehen können. Zum Anderen wäre es für potenzielle Täter, durch das zuvor erlangte Vertrauen, ein leichtes das Kind zu entführen. Zugegebenermaßen, aus meiner persönlichen Sicht ziemlich weit hergeholt aber aus Sicht der Organisation, die an dieser Stelle die größte Verantwortung trägt, nachvollziehbar. Franc erzählt mir, dass es immer wieder vorkam, dass Patinnen und Paten die Koordinaten des Wohnortes ihrer Patenkinder über ihr Handy in den sozialen Netzwerken veröffentlicht haben. Es ist auch schon vorgekommen, dass ein Pate die Familie erneut besuchte und anschließend für zwei Monate kostenfrei in deren Haus logierte. Eine enorme zusätzliche Belastung für Menschen die mit 1-2 US Dollar pro Tag auskommen müssen. Aber auch für die Paten und Patinnen selbst können unangenehme Situationen entstehen, wenn bspw. die Familie des Kindes, Freunde oder Verwandte ebenfalls um finanzielle Unterstützung bitten. Hier gerät auch ein europäischer Durchschnittsverdiener irgendwann an seine finanziellen Grenzen und wie schwer es ist „Nein“ zu sagen, habe ich selbst erlebt.
Aber obwohl ich die Argumentation verstehe und auch nachvollziehen kann, bin ich über diesen Umstand meines Besuches enttäuscht. Gerade der Einblick in die Lebensumstände und das persönliche Umfeld meines Patenkindes lag mir sehr am Herzen. Auch die Vorstellung, dass der Kleine und seine Familie wegen mir einen solchen Aufwand betreiben sollen und er sich vielleicht in einer Situation wiederfindet die ihm unbehaglich ist (durch einen Ort den er nicht kennt), ist mir unangenehm. Ich bin sehr gespannt was mich erwartet.

Als ich aus dem Auto aussteige und in das Büro schaue, sitzt der kleine auf einem Stuhl auf seinen Händen und schaut mich mit großen Augen an. Der Raum ist nicht sehr groß und alles was ihn als Büro auszeichnet sind zwei Schreibtische (jedoch ohne jedes Equipment) und die Fahne Guatemalas an der Wand. Mit im Raum sind gleich drei Mitarbeiterinnen, die das Projekt in El Tumbador betreuen und mich herzlich begrüßen, sowie seine Mutter, seine ältere Schwester (13 Jahre alt) und zwei weitere Geschwisterchen (Säuglingen), von denen ich bis dahin noch gar nichts wusste. Mit der Aufforderung durch seine Mutter steht Kenner auf, kommt auf mich zu und umarmt mich. Er wirkt etwas unsicher und die Umarmung fühlt sich ein wenig inszeniert an, da ich nicht glaube, dass dies dem Naturell des Jungen entspricht. Vielleicht möchte man damit einfach der Erwartungshaltung vieler Patinnen und Paten bei ihrem Besuch gerecht werden. Als wir jedoch kurz darauf im Stuhlkreis nebeneinandersitzen lächelt er schüchtern und scheint sich über meinen Besuch zu freuen. Ich bin froh darüber, denn dadurch habe ich nicht das Gefühl, dass er sich unwohl fühlt.
Ab diesem Moment ist alle Aufmerksamkeit auf mich gerichtet, doch ich kann nicht viel mehr tun als nett lächeln und abwarten was passiert. Alle sind sehr freundlich und zuvorkommend. Kenner‘s Mutter ergreift etwas zögerlich das Wort und dankt mir, mit einer gewissen Demut in der Stimme, für die Unterstützung, die ich ihrem Sohn zukommen lasse. Ich würde gerne etwas zum Gespräch beitragen und ein paar Fragen stellen aber mir fällt kaum mehr eine spanische Vokabel ein. Franc hilft bei der Übersetzung. Nach 30min. etwas umständlicher und zaghafter Kommunikation gehen wir gemeinsam über die Außentreppe in das Obergeschoss des kleinen Gebäudes. Ich bewege mich etwas unsicher durch den Raum, da ich noch nicht so recht weiß was jetzt passiert. Am Ende steht ein Besprechungstisch mit Beamer und Laptop vorbereitet. Wow, dass ich auf meiner Reise einen Beamer zu Gesicht bekomme, hätte ich nun nicht erwartet. Ich muss kurz an die Arbeit denken und schmunzeln. Ob wohl gleich jemand eine 80-seitige Powerpoint Präsentation mit den Worten „Queridos colegas“ einleitet? Vermutlich nicht. Stattdessen startet eine der Mitarbeiterinnen einen Film, den Kenner und seine Betreuerin extra für meinen Besuch vorbereitet haben. Ich sehe Kenner, verfolgt von einer Kamera, wie er mir seine Schule zeigt und mit den anderen Kindern lacht und tanzt. Er winkt in die Kamera und sagt irgendetwas auf Spanisch, dass ich aber leider nicht verstehe, weil der Ton zu leise ist. Aber vermutlich hätten meine Spanischkenntnisse dafür ohnehin nicht ausgereicht. Glücklicherweise erhalte ich den 5-minütigen Film anschließend als Geschenk und damit die Gelegenheit zu einem späteren Zeitpunkt nochmal ganz genau hinzuhören.

Das ist mein Stichwort und zusammen mit Franc hole ich die Einkäufe und Geschenke aus dem Auto. Kenner schaut gespannt auf die drei eingepackten Geschenke, die nun vor ihm liegen und wartet auf ein Zeichen, sie endlich auspacken zu dürfen. Als er das Buch in der Hand hält, erzählt mir seine Mutter stolz, dass er sehr gut lesen könne und kurz darauf liest Kenner mir, mit dem Finger unter jedem Wort, tatsächlich die gesamte Heinzelmännchen-Geschichte vor. Auch das Fußballtrikot passt wie angegossen – zum Glück, denn das war meine größte Sorge. Das tollste Geschenk aber, ich hätte es wissen müssen, war der Lego-Roboter den wir kurz darauf zusammenbauen. Eine schöne Gelegenheit die gemeinsame Zeit etwas interaktiver zu gestalten. Die Aufgabenverteilung ist schnell klar. Ich werde zum Gehilfen degradiert und reiche ihm die Teile, die er in Windeseile zusammensetzt. Kaum 10min. später hält er den Lego-Roboter stolz in seinen Händen. In diesem Moment wünschte ich, ich hätte mehr Spielzeug mitgebracht, denn das hat wirklich Spaß gemacht.

Es gibt Mittagessen. Die Projektbetreuerinnen haben für alle Reis mit Hähnchen und Gemüse zubereitet. Im Anschluss gibt es eine Art Pudding-Kuchen in Regenbogenfarben. Auch damit hatte ich nicht gerechnet und fühle mich etwas unwohl, weil so viel Aufwand für meinen Besuch betrieben wird. Nach dem Essen beschließen wir einen kurzen Spaziergang mit den Kindern zu machen. Als wir an einem Spielzeugladen vorbeikommen darf sich jedes der Kinder ein Spielzeug aussuchen. Unheimlich kitschiger Krempel von Gummitierchen über Plastikbälle bis buntem Mädchenhaarschmuck aber aus Kinderaugen sicher ein Paradies. Die Entscheidung ist schnell gefallen. Kenner verliebt sich sofort in einen kleinen gelben Spielzeug-Schulbus und seine Schwester wählt eine Puppe mit blauen Haaren, „Made in China“. Zugegebenermaßen nicht meine erste Wahl aber ich verkenne sicher nur Einzigartigkeit dieser asiatischen Schönheit.
Zurück im Büro bricht die letzte Stunde meines Besuches an und ich bitte Kenner mir ein Bild zu malen, das ich mit nach Hause nehmen kann. Er nimmt den Schulbus, setzt ihn auf das Blatt Papier und beginnt akribisch die Umrisse auf das Papier zu bringen. Ein originalgetreuer Maßstab scheint ihm wichtig zu sein. Als er seinen Namen mit nur einem „n“ auf das Blatt Papier schreibt, werde ich kurz unsicher, da ich ihn auf dem Trikot mit zwei „n“ verewigt habe. Auf mein Nachfragen bei seiner Mutter erhalte ich zunächst keine Antwort. Ich bin etwas verwirrt und erfahre schließlich von Franc, dass sie weder lesen noch schreiben kann. Eigentlich nichts Ungewöhnliches in Guatemala, da rund 30-40% der Menschen nicht lesen oder schreiben können. Dennoch bin ich etwas perplex, da ich mich frage, wie sich ein Leben ohne diese Fähigkeiten gestaltet. Seine Schwester gibt mir schließlich die Sicherheit, die ich gesucht habe und Kenner korrigiert seinen Namen auf dem Bild.

Es ist 16:00Uhr und der Besuch geht nach etwas mehr als drei Stunden schließlich zu Ende. Zum Schluss noch eine kleine Foto-Session, dann heißt es schon wieder Abschied nehmen. Schade, denn gerade fingen wir an rumzualbern und Spaß zu haben. Andererseits hätte ein längerer Aufenthalt den Abschied sicher erschwert. Nichts desto trotz fällt es mir nicht so leicht wie ich dachte, denn es ist vielleicht das erste und letzte Mal das wir uns sehen. Zum Schluss nehme ich ihn in den Arm und erhalte diesmal eine Umarmung die sich echt anfühlt. Wieder im Auto auf dem Weg nach Antigua denke ich viel über die letzten Stunden nach. Auch wenn meine Erwartungen hinsichtlich eines Eindrucks in den Alltag meines Patenkindes nicht erfüllt wurden, war der Besuch dennoch jede Minute wert. Ein persönliches Kennenlernen kann einfach durch nichts ersetzt werden und ich möchte jede Patin und jeden Paten ermutigen genau dies zu tun. Eine Patenschaft, die über die Jahre hinweg vielleicht etwas anonym erlebt wurde, erhält dadurch eine ganz neue Qualität. Und an alle da draußen, die vielleicht noch kein Patenkind in einem anderen Land haben - denkt doch mal drüber nach. Ich hatte selten das Gefühl, dass sich eine Investition mehr lohnte. Finanziell und Emotional!



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