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"Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen! " (Johann Wolfgang von Goethe)

 

Mein Reisetagebuch 

Über mein Reisetagebuch möchte ich euch regelmäßig auf dem Laufenden halten und von meinen Erfahrungen mit Land und Leuten berichten. Inwiefern mir dies auch tatsächlich gelingt, hängt natürlich letztlich nicht allein von mir ab, da ich zumindest auf eine funktionierende Internetverbindung angewiesen bin. Ich bin aber recht zuversichtig, dass sich von Zeit zu Zeit eine Gelegenheit ergibt ein paar kurze Berichte einzustellen. Viel Spaß beim lesen!  

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17.12.2014

Buenos noches and good morning

Nun war es soweit. In der letzten Woche musste ich mich schließlich zum ersten Mal auf meiner Reise von einem Land verabschieden. Das Land in dem alles begann und das mich so herzlich aufgenommen hat. Guatemala ist bis obenhin voll mit Möglichkeiten und entspricht nicht im Geringsten der häufig vorherrschenden Meinung, die sich nicht selten in Form von Vorurteilen äußert – wie so oft im Leben. Es gibt so unglaublich viele Dinge zu sehen und zu erleben, dass vier Wochen dafür nicht ausgereicht haben. Von Vulkanen, über Sandstrände und Regenwälder bis hin zu alten Kolonialstädten und noch älteren Maya-Stätten. Alles kann absolut authentisch und hautnah erlebt werden. Und als wäre das noch nicht genug, trifft man freundliche und aufgeschlossene Menschen, die unheimlich viel geben obwohl sie wo wenig besitzen. Guatemala, ich bin sicher du wirst mir fehlen - aber ebenso sicher, dass wir uns irgendwann wiedersehen werden.

Doch so sehr ich auch mitunter dazu neige in den Erinnerungen vergangener Tage zu schwelgen und mir manchmal nichts mehr wünsche, als dass ich sie noch ein einziges Mal verleben dürfte, geht es auf meiner Reise doch unaufhaltsam voran. Es ist Mittwochmorgen zehn vor neun und in Kürze bricht mein Shuttle Bus ins englischsprachige Belize auf. Ich verabschiede mich beim Frühstück von den Leuten, die ich einen Abend zuvor in meinem Hostel „Los Amigos“ in Flores kennengelernt habe. Ein Umstand meiner Reise an den ich mich anfangs erst noch gewöhnen musste. Die meisten Bekanntschaften gehen so schnell wie sie kamen. „Friends2Go“ - Freunde für unterwegs. Wie ein Kaffee der durchaus entscheidend dafür sein kann, wie der Tag beginnt, letztlich aber keinen Einfluss auf seinen Verlauf hat. Manchmal bleibt eine Handynummer oder E-Mailadresse aber ich bin mir nicht sicher, ob sie jemals Verwendung finden werden. Es ist wirklich nicht schwer mit neuen Leuten in Kontakt zu treten, manchmal fast unausweichlich. Dabei bin ich jedoch dankbar für die Unverbindlichkeit und die damit verbundene Unabhängigkeit, die mit diesen Begegnungen meist einhergehen. Keine Erwartungen und keinerlei Verpflichtungen, nur einen schönen Abend oder zwei, vielleicht eine gemeinsame Aktivität und manchmal auch nur ein Stück des Weges, den man zusammen bestreitet. Aber nichts desto trotz: manchmal bereue ich die Kurzlebigkeit dieser Begegnung auch und frage mich, ob sie wohl auch im „echten Leben“ Bestand gehabt hätten.

So oder so, ich muss los, denn der Busfahrer steht vor mir und er scheint es eilig zu haben. Noch während ich mit meinem Rucksack ringe und versuche das 20kg Monster unter größter Anstrengung auf meinem Rücken zu platzieren, dringt immer wieder das Wort „Ticket? Ticket?“ von der Seite in mein Ohr. Ob er sieht, dass mich mein eigener Rucksack beinahe unter sich begräbt? Vermutlich. Aber wenn es mir gelingt ihm vor meinem letzten Atemzug noch mein Busticket in die Hand zu drücken, ist seine Welt in Ordnung. Am Bus angekommen freue ich mich, denn ich bin der Erste. Zwar drängt sich mir kurz die Frage auf, wie es zu der 20minütigen Verspätung kommen konnte aber die Freude über die freie Sitzplatzwahl ist größer. Ich hatte auch schon weniger Glück und durfte mich für einige Stunden mit dem klappbaren „Notsitz“ in der Mitte begnügen. Ich nehme meinen Lieblingsplatz direkt hinter dem Fahrer ein und freue mich auf eine verhältnismäßig kurze Fahrt von ca. fünf bis sechs Stunden inkl. Wassertaxi. Mein Ziel: Die Backpacker-Insel Caye Caulker, etwa 60min. nordöstlich von Belize City. An der Grenze angekommen, kenne ich das nun folgende Prozedere durch meine Besuche in El Salvador und Honduras inzwischen. Abmelden im Herkunftsland und Anmelden im Ankunftsland. Buenos noches Guatemala and good morning Belize! Die beiden Schalter sind nur wenige hundert Meter voneinander entfernt. Manchmal sind es regelrechte Empfangshallen (in denen dann nur ein einziger Schalter geöffnet ist) und manchmal lediglich zwei kleine Fenster ähnlich einer Kinokasse. Die Grenzübergänge haben sich bisher sehr unkompliziert gestaltet. Aufgrund des „Central America-4 Border Control Agreements“ (CA-4) zwischen Guatemala, Honduras, El Salvador und Nicaragua war bis auf eine Ausnahme nicht mal ein Stempel im Reisepass notwendig. Eigentlich schade, denn jeder Stempel ist irgendwie auch eine kleine Trophäe die man nach Hause trägt. Da Belize jedoch nicht zum erlauchten Kreis der CA-4 gehört, erhalte ich dieses Mal sogar einen Aus- UND einen Einreisestempel. Und eine Rechnung von 5,-€ dafür das ich Guatemala verlassen will. Belize lässt mich freundlicherweise kostenlos rein. Aber nur damit ich bei der Ausreise das Dreifache bezahle. 15,-€ Ausreisegebühr verrät mir mein Lonely Planet Reiseführer. Nicht das letzte mal, dass ich mich plötzlich mit anderen preislichen Verhältnissen konfrontiert sehe als noch in Guatemala…

Der Bus setzt mich in Belize City direkt vor der Station des „Belize Express Water Taxi“ ab und mein Wassertaxi wartet bereits. Das Boot hat Platz für ca. 50 Personen und alle Plätze sind unter Deck. Alles ist sehr zweckmäßig und es gleicht ein wenig einer Busfahrt. Kaum ist das Gepäck verstaut, machen wir uns mit der vereinten Kraft dreier Honda Bordmotoren auf in Richtung Nordost. Ich schaue neugierig durch die Seitenfenster und sehe zum ersten Mal das Blau und Türkis der karibischen See. Die Sonne lacht vom Himmel und nur gelegentlich gelingt es ein paar Wolken ihr die Show zu stehlen. Vor mir erstreckt sich das zweitgrößte Riffsystem der Welt (das Belize Barrier Reef) und ich male mir aus, welche großartigen Dinge ich bei meinem ersten Tauchgang auf dieser Reise zu sehen bekommen werde. Eine kleine, mit Mangroven bewachsene Inselgruppe zieht vorbei und aus irgendeinem Grund frage ich mich, ob dort wohl mal Piraten gelebt haben. Sicher nicht, denn wo hätten sie auf dieser Insel ihren Schatz vergraben sollen? Die Entschlüsselung der Schatzkarte wäre geradezu lächerlich einfach gewesen! ;o)

Nach ca. 40min. nähern wir uns der Küste von Caye Caulker, die gesäumt ist von Kokospalmen und bunten pastellfarbenen Holzhäuschen. Im Hintergrund erheben sich die sehr dezent gehaltenen Guest Houses, Hostels und wenigen Hotels. Eine Backpacker-Insel eben. Als ich die Insel betrete und der Sand unter meinen Füßen nachgibt, überkommt mich ein Gefühl der Entspannung. Es wirkt alles sehr relaxed und harmonisch. Die Tatsache, dass es hier, bis auf einige wenige Ausnahmen keine Autos gibt, trägt sicherlich ihren Teil dazu bei. Einzig die kleinen weißen Golf Carts bahnen sich leise und in mäßiger Geschwindigkeit ihren Weg über die Schotterstraßen. Ein völliges Kontrastprogramm zu Guatemala. Weißer Korallensand und Kokospalmen anstelle von Dschungel und Vulkangestein. Golf Carts und Fahrräder anstelle von Motorrollern und Chicken Buses. Reggae Sounds statt Salsa Musik. Ich beschließe mir zunächst eine Übersicht zu verschaffen und renne mit Sack und Pack, rund eine Stunde über die kleine Insel. Caye Caulker ist sehr übersichtlich und kann ich zwei Stunden komplett umrundet werden. Während meiner Erkundungstour erkenne ich schnell, dass die Insel zwar ein schönes Lächeln aber faule Zähne hat, denn nur auf einer Seite ist sie wirklich schön. Die „Rückseite“ hingegen ist stark heruntergekommen und lädt kaum dazu ein sich hier länger aufhalten zu wollen. Vermoderte Holzhäuser reihen sich an heruntergekommene Baracken, teilweise bewohnt und teilweise sich selbst überlassen. Die meisten Häuser sind komplett aus Holz, haben ein flaches Dach, meist eine Veranda und sind auf Stelzen gebaut, um die Unebenheiten des Untergrundes auszugleichen. Die spröden Balken und blätternde Farbe lassen darauf schließen, dass einige der Häuser durchaus ansehnlich waren. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Ein ausgedientes, rostiges Motorboot in einem der Vorgärten rundet das Bild ab. Wie überall auf meiner bisherigen Reise gibt es auch hier herrenlose Hunde, die aber alle lange nicht so vernachlässigt aussehen, wie in Guatemala. Es gibt sogar ein kleines Tierheim, das sich den verwaisten Hunden annimmt und ihnen, zumindest vorrübergehend, ein zu Hause bietet.

Ich bin erleichtert als ich meinen Rucksack endlich auf das Bett meiner kleinen Unterkunft werfen kann. Zwar zahle ich umgerechnet 26,-€ pro Nacht, erhalte dafür aber ein Einzelzimmer mit eigenem Bad und einem kleinen Balkon mit Hängematte. Erst jetzt bemerke ich den Schmerz den das Gewicht meines Gepäcks in meinen Schultern hinterlassen hat. Kurz darauf liege ich in der Hängematte und lasse den Tag Revue passieren. Es ist tatsächlich schön, einmal ganz für mich allein zu sein. Kein Hostel, keine Traveller, keine Friends2Go. Nur ich und… nanu, wer ist denn sie? Ich bin wohl doch nicht so alleine wie ich dachte. Sie muss mich beobachtet haben, als ich mich erschöpft in meine Hängematte schmiss und hat die Chance ergriffen um sogleich in die Offensive zu gehen. Ohne das ich auch nur ein Wort sagen oder mich irgendwie zur Wehr setzen kann, springt sie mit einem Satz zur mir auf die Hängematte. Ich komme nicht umher sie zu streicheln, was sie zu gleich als Aufforderung auffasst, es sich auf meinem Schoss bequem zu machen. Die Krallen ihrer Pfoten graben sich dabei genüsslich in den dünnen Stoff meines T-Shirts. Kurz darauf schließt sie ihre Augen und schläft schnurrend auf mir ein. Ich gebe ihr den Namen KitCat und bevor ich schließlich ins Bett gehe, stelle ich ihr noch etwas Futter vor die Tür, das ich eben für sie im Supermarkt nebenan gekauft habe. Für die Dauer meines Aufenthaltes wird sie von nun an jeden Abend auf meinem Balkon auf mich warten. Das „Friends2Go“-Prinzip lässt sich somit also auch problemlos auf die Tierwelt anwenden. Und noch ein Prinzip, dass ich während meines Besuchs in der Grundschule in Ciudad Vieja erlernen durfte findet hier ebenfalls Anwendung. „Will eine, wollen alle!“.



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