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"Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen! " (Johann Wolfgang von Goethe)

 

Mein Reisetagebuch 

Über mein Reisetagebuch möchte ich euch regelmäßig auf dem Laufenden halten und von meinen Erfahrungen mit Land und Leuten berichten. Inwiefern mir dies auch tatsächlich gelingt, hängt natürlich letztlich nicht allein von mir ab, da ich zumindest auf eine funktionierende Internetverbindung angewiesen bin. Ich bin aber recht zuversichtig, dass sich von Zeit zu Zeit eine Gelegenheit ergibt ein paar kurze Berichte einzustellen. Viel Spaß beim lesen!  

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13.01.2015

Ein Montag mal anders

Da stehe ich nun. Mit beiden Füßen stecke ich knöcheltief im Sumpf fest und auch mein Fahrrad sinkt immer weiter ein. Diese Situation wollte ich um jeden Preis vermieden haben. Aber im letzten Moment hat mich wohl der Leichtsinn gepackt. Von meinen Flip Flops habe ich mich gedanklich schon verabschiedet. Das wäre wohl auch der geringste Verlust. Je mehr ich versuche mich heraus zu kämpfen desto weiter sinke ich ein. Der Schlamm quetscht sich zwischen meine Zehen. Ein unangenehmes Gefühl. Zu allem Übel wird meine missliche Lage von unzähligen Moskitos ausgenutzt die nun gemeinsam über mich herfallen. Wie komme ich hier jetzt wieder raus? Aber vor allem: Wie bin ich hier überhaupt hineingeraten?

Es ist mein zweiter Tag auf Ambergris Caye, der größten und touristisch erschlossensten Insel von Belize. Sie ist um einiges größer als Caye Caulker und es reihen sich nun nicht mehr nur Hostels und Guest Houses aneinander. Kleinere Hotelanlagen säumen die Uferpromenade und sind zum Teil so nah am Wasser gebaut, dass sie die wenigen Strandabschnitte die San Pedro zu bieten hat, fast gänzlich vereinnahmt haben. Verglichen mit den großen Resorts, die weiter nördlich, jenseits der kleinen Eisenbrücke wie Pilze aus dem Boden schießen, wirken diese Anlagen jedoch fast schon wie die Hostels von morgen. Die Reggae Musik ist den Motorengeräuschen der Pick-Ups und LKWs gewichen, die sich allesamt durch den einzigen Kreisverkehr der Insel quetschen. Der arme Verkehrspolizist hat alle Mühe, den hupenden Autokorso in den Griff zu kriegen. Nichts desto trotz: auch wenn San Pedro nicht ansatzweise den Charme einer kleinen verträumten Karibikinsel versprüht – es gefällt mir hier auf merkwürdige Weise.
Eine Ursache ist schnell gefunden, denn die Menschen hier sind bemerkenswert hilfsbereit und überaus zuvorkommend. Ein fragender Blick reicht aus und ein rundlicher Mann Mitte dreißig, der dicht hinter mir sein Fahrrad neben sich herschiebt, spricht mich an. Ich habe etwas Mühe seinen Ausführungen zu folgen, denn wie viele Belizer spricht er ein, für meine Ohren, etwas schwer verständliches kreolisches Englisch (Patois). Jeder der schon mal einen Bob Marley Song gehört hat, wird sich ungefähr vorstellen können, wie sich das anhört. Ich nutze die Gelegenheit und frage ihn alles, was ich ansonsten selbst zu Fuß herausfinden müsste. Bei der Größe der Insel bin ich dankbar um jede Info. Bereitwillig erhalte ich Auskunft und werde zum Abschluss auf einen Joint („oder was immer ich bevorzuge“), auf der Veranda seines Hauses nicht weit von hier, eingeladen. Die belizianische Art zu fragen, ob man nicht noch „auf nen Kaffee vorbeikommen“ möchte. Ich lehne dankend ab und verabschiede mich mit dem obligatorischen „fist bump“ (ich musste auch erst googlen wie das richtig heißt).
Tatsächlich dauert es ein wenig bis ich mich auf diese Art Small Talk einlassen kann. Zu einschlägig sind die Erfahrungen mit versierten Verkäufern oder vermeintlichen „Dienstleistern“ anderer Länder, die am Ende die Hand aufhalten und zu tiefsitzend die Warnungen vor Trickbetrügereien und dergleichen. Doch hier mache ich glücklicherweise andere Erfahrungen. Ich erhalte zudem die Info, dass die Insel weiter nördlich, jenseits der kleinen Eisenbrücke, Mangrovensümpfe und einsame Strände bereithält, die sich mehr als 25km bis nach Mexico ausdehnen. Meine besondere Aufmerksamkeit widmet sich dabei den Ausführungen über die zahlreichen Vogelarten, kleinen Echsen und… Krokodile. Wow, das klingt doch ein bisschen nach Abenteuer. So beschließe ich, mir an diesem sonnigen Montagmorgen ein geeignetes Gefährt zu suchen und mich auf die Jagd zu begeben. Zugegebenermaßen, das Quietschen der Pedale und mein wackliges Fahrradkörbchen vorneweg, lassen mich auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz so wagemutig und abenteuerlustig aussehen wie ich mich fühle. Doch die rostige Eisenkette mit Vorhängeschloss, die mir als Fahrradsicherung dient und die ich mir sogleich um den Hals werfe, lässt mich zumindest ansatzweise entschlossen aussehen. *zwinker*

So radele ich los, erreiche zügig die kleine Brücke und lasse die Zivilisation Stück für Stück hinter mir. Ein schmaler Schotterweg führt mich durch die mangrovenbewachsenen Gewässer, die sich links und rechts von mir erstrecken. Sumpfartige Tümpel mit schlammigen Ufern die ich aus sicherer Entfernung begutachte. Sofort schießen mir die Bilder der letzten Tierdokumentation in den Kopf, in der das Krokodil blitzschnell aus dem Wasser schießt und die am Ufer stehende Antilope ins Wasser zerrt. Ich möchte heute keine Antilope sein. In dem strauchähnlichen dichten Bewuchs finden sich allerleih Vögel, die aufgeregt das Weite suchen, als ich mich mit meinem quietschenden Gefährt nähere. Über mir zieht ein Rabengeier seine Kreise. Weit und breit kein Haus, kein Auto, keine Straßenlaterne, kein Mensch. Nur die Natur, mein Fahrrad und ich - ein tolles Gefühl von Freiheit.
Meine Blicke suchen die Wasseroberflächen ab. Doch nichts zu sehen. Zwei Stunden sehe ich nicht viel mehr als ein paar Eidechsen die meinen Weg kreuzen und dem was ich suche wohl noch am nächsten kommen. Ich steige vom Fahrrad ab, gehe ans Ufer und schaue gebannt aufs Wasser. Ob es hier wirklich Krokodile gibt? Ich weiß es nicht. Aber in jedem Fall springen sie einem nicht gleich in die Arme wenn man hier ankommt. Doch selbst als ich nach drei Stunden nicht finde wonach ich gesucht habe, bin ich nicht enttäuscht. Selten habe ich mich der Natur auf eine so vertrauensvolle Art und Weise ausgeliefert und gleichzeitig so verbunden gefühlt. Diese Abgeschiedenheit hat etwas Magisches und ich hoffe, dass ich sie irgendwann noch einmal erleben darf.
Ich mache mich auf den Rückweg, denn ich will zurück sein bevor es dunkel wird. Mein Blick findet immer wieder zu den Uferböschungen zurück und plötzlich: da ist doch etwas. Auf der anderen Uferseite ungefähr zehn bis zwölf Meter entfernt. Ich bleibe stehen und will sehen ob ich mich getäuscht habe. Mit vorsichtigen Schritten nähere ich mich. Mein Herz macht einen Satz und ich spüre meinen Puls in die Höhe schnellen. Ich hatte einmal gelesen man solle im Zick Zack laufen, wenn man an Land von einem Krokodil verfolgt wird. Hoffentlich weiß ich das auch noch wenn es soweit ist. Jetzt erkenne ich es, ganz eindeutig. Nicht besonders groß, vielleicht 1,5 bis 2m. Es liegt im Wasser und beobachtet jeden meiner Schritte. Sein hellgrauer an der Sonne getrockneter Panzer hat es verraten. Zu hell für einen Stein. Wow, kein Zaun, keine Glasscheibe, kein Zoowärter. Ich möchte noch einen Schritt näher, da macht das Krokodil plötzlich einen Satz und verschwindet mit einem lauten platschen im trüben Wasser. Mein erster Gedanke ist „Verdammt, hinterher!“ doch mein zweiter Gedanke „Verdammt, weg hier!“ ist stärker. Die Gewissheit, dass es hier tatsächlich Krokodile gibt, gemeinsam mit der Ungewissheit wo sich das Gesehene gerade aufhalten mag, erzeugt in mir unweigerlich den Wunsch im Zick Zack zu laufen. Ich gebe dem Impuls nach, schwinge mich auf mein Fahrrad und bin weg. Ein letzter Blick zurück, ein Lächeln. Jetzt bin ich glücklich.

Und wie war ich jetzt in diesen Schlam(m)assel geraten? Beschwingt durch meine Begegnung mit dieser riesigen menschenfressenden Bestie (ihr kennt ja inzwischen den „Wow-Effekt“ der eigenen Erinnerungen!) treffe ich auf meinem Weg auf einige ziemlich große Schlammpfützen. Challenge excepted! Durch vier von fünf gleite ich mit enormer Geschwindigkeit, wie ein heißes Messer durch die weiche Butter. Für die fünfte (und größte) fehlt mir der Schwung und ich bleibe genau in der Mitte stecken. Das Fahrrad kippt um... und den Rest kennt ihr ja. Was bleibt sind zahlreiche Moskitostiche, ein tolles Naturerlebnis in den Mangrovensümpfen von Belize und eine spannende Begegnung mit einem Krokodil in freier Wildbahn. Ich hatte schon schlechtere Montage! ;o)



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