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"Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen! " (Johann Wolfgang von Goethe)

 

Mein Reisetagebuch 

Über mein Reisetagebuch möchte ich euch regelmäßig auf dem Laufenden halten und von meinen Erfahrungen mit Land und Leuten berichten. Inwiefern mir dies auch tatsächlich gelingt, hängt natürlich letztlich nicht allein von mir ab, da ich zumindest auf eine funktionierende Internetverbindung angewiesen bin. Ich bin aber recht zuversichtig, dass sich von Zeit zu Zeit eine Gelegenheit ergibt ein paar kurze Berichte einzustellen. Viel Spaß beim lesen!  

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25.01.2015

Vertrau' dem Captain

Kaum das ich Caye Caulker und Ambergis Caye hinter mir gelassen habe und auf dem Festland in Belize City aus dem Wassertaxi stolpere, machen sich sofort ein Dutzend Taxifahrer über mich her. Die einheimischen Mitreisenden lassen sie gleich links liegen, denn der Gringo verspricht doppelten Gewinn – und ich bin auch noch der Einzige. Doch ich lehne ab. Heute leider keine Sonderfahrt zum Spezialpreis. Bequemer wäre es wohl allemal, mit dem schweren Rucksack zum Busbahnhof zu gelangen, doch einmal mehr packt mich der Ehrgeiz. Ich will es selbst schaffen, selbst erleben und nicht nur als passiver Zuschauer hinter der getönten Fensterscheibe eines Beifahrersitzes Platz nehmen. Motiviert und voller Tatendrang stapfe ich los ohne zu wissen wohin. Doch ein kurzer Blick ins Buch genügt… um sogleich Hilfe angeboten zu bekommen. Es ist einer der Taxifahrer von vorhin, der mir schließlich den Weg zum Busbahnhof von Belize City erklärt. Kein Trotz, kein Gram und keine Verärgerung über die Ablehnung seiner Dienste.

Belize City gewinnt sicher keinen Schönheitspreis. Wahrscheinlich dürfte es nicht einmal in die Nähe der Preisverleihung. Ein Potpourri aus Asphalt, grauen Betonbauten, Müll und einer Luft die so erfüllt ist mit Autoabgasen, dass es einem die Tränen in die Augen treibt. Die einzigen Farben die ich sehe, sind die der Plastikeimer, -schüsseln und -spielzeuge, die in einer unendlichen Fülle angeboten werden. Es macht fast den Anschein als hätten alle zur selben Zeit die selbe „bahnbrechende“ Geschäftsidee gehabt. Anders kann ich mir die unzähligen Läden mit den immer selben Artikeln nicht erklären. Fairerweise muss ich zugeben, dass mir Belize City nur als Zwischenstopp für meine Busverbindung Richtung Süden dient. Jemand der hier vielleicht ein wenig Zeit verbracht und etwas intensiver nach Sehenswürdigkeiten gesucht hat (Hut ab!), würde mir und meinen Ausführungen unter Umständen widersprechen.

Nach rund 30 Minuten und einem kurzen (unfreiwilligen) Umweg durch eine etwas zwielichtige Gegend, erreiche ich den Busbahnhof von Belize City. Level completed! Der Bus ist schon recht voll und ich habe Mühe mit meinem Rucksack durch die Reihen zu gelangen. Man sollte gar nicht erst versuchen größere Taschen oder Rucksäcke in der offenen Ablage über den Sitzen zu verstauen oder gar einen freien Platz mit dem eigenen Gepäck zu belegen. Mein Rucksack landet sogleich im hinteren Teil des Busses, zusammen mit weiteren Kartons und Kisten, Säcken voll Saatgut, einer Kühltruhe und drei Autoreifen. Es ist einer dieser gelben amerikanischen Schulbusse, der in den USA wahrscheinlich schon vor Jahren als verkehrsuntauglich aussortiert wurde. Tatsächlich macht das Gefährt aber gar keinen so schlechten Eindruck. Die Sitze sind etwas durchgesessen und die Fenster lassen sich nur mit Mühe öffnen bzw. schließen aber wenn es nur das ist, bitte.

Der Bus setzt sich in Bewegung und ich atme durch. Gedanklich bin ich bereits auf der kleinen Tropeninsel Tobacco Caye mit ihren unberührten Tauchgründen, angekommen. Aber der Süden hält noch weitere spannende Ziele bereit, wie den schönen Küstenort Placencia oder die berühmte Maya-Höhle Actun Tunichill Muknal, die als festes Ziel auf meiner Reiseabenteuerwunschliste steht. So denke ich zumindest, doch letztere werde ich leider nie zu Gesicht bekommen…
Nur um ganz sicherzugehen frage ich meine Sitznachbarin nochmal ob dieser Bus tatsächlich nach Dangriga fährt, von wo aus ich nach Tobacco Caye, einer kleinen Insel ca. 30 Minuten vor der Küste, übersetzen will. Aber selbst wenn er das nicht täte, wäre es jetzt wohl ohnehin zu spät. Doch sie nickt freundlich und wir kommen ins Gespräch. In einem Land wie Belize ist das (auf eine sympathische Art und Weise) wohl unvermeidlich. Bernice ist 25 Jahre alt und lebt in der Hauptstadt Belmopan. Sie ist recht zierlich und wirkt in der viel zu großen, weißen Bluse etwas verloren. Auf den zweiten Blick erkenne ich, dass es ihr Arbeitsoutfit ist, das ihr von der Versicherung für die sie arbeitet, gestellt wird. Sie ist sehr interessiert und scheut sich nicht mir sogleich unzählige Fragen über mich und meine Reise zu stellen. Die Rolle des Zuhörers liegt mir normalerweise mehr, doch ich habe keine andere Wahl als alle ihre Fragen zu beantworten. Wie viele Frauen in Mittelamerika, ist auch Bernice in jungen Jahren ungewollt Mutter geworden. Doch heute ist ihre sechsjährige Tochter Joyce ihr ganzer Stolz. Auf meine Frage nach dem Vater macht sie nur eine wegwerfende Handbewegung. Sie zöge es vor, das Kind alleine großzuziehen. Eine Erklärung die suggeriert, es sei ihr Wille gewesen und eine Geschichte wie sie sich in ganz Lateinamerika täglich tausendfach wiederholt.

Nächster Stop Belmopan. Kaum steht der Bus, zwängen sich unzählige Verkäufer dicht hintereinander mit riesigen Körben, Plastikbündeln und Gefriertruhen durch den winzigen Mittelgang des Busses. Ein beeindruckender und zugleich amüsanter Anblick. Würde jetzt jeder dem Vordermann an die Schultern greifen, ich würde mich glatt hinten anschließen. Mit großen Augen bestaune ich das Schauspiel, das hier von Statten geht. Getränke, Obst und Nüsse, Gebäck, Pizza und Sandwiches, frittierter Fisch, Hähnchen mit Reis, Süßigkeiten - eine schier endlose Darbietung verzehrfertiger Getränke und Speisen. Kaum hat man das erste Angebot ausgeschlagen folgt gleich dahinter das Nächste. Wer sich bislang Sorgen um sein Mittagessen gemacht hat, kommt hier voll auf seine Kosten. Ist der erste Verkäufer am Ende des Busses angekommen, geht es in die andere Richtung (aber durch denselben Mittelgang) wieder zurück. Unterdessen haben weitere Verkäufer den Bus umzingelt und reichen ihre Waren durch die geöffneten Seitenfenster. Ein Mann verkauft Getränke in Glasflaschen. Auf den kaum mehr lesbaren Etiketten steht „Smirnoff Ice“ oder „Corona“ doch beim Anblick des Inhaltes wird schnell deutlich, dass es sich hier eher um eine lokale Eigenkreation handelt. Eine weiße, milchige Substanz mit kleinen braunen Punkten. Ehe ich mich versehe, hält Bernice zwei Flaschen in der Hand und lädt mich ein. An meinem Blick errät sie sogleich, dass dieses Getränk einer kurzen Erklärung bedarf. „See weed“ scheint in Belize sehr beliebt zu sein und besteht u.a. aus Milch, gehakten Erdnüsse und Gewürzen die mich ein wenig an Weihnachten erinnern – und natürlich See weed! (zu deutsch: Seegras) Eine interessante Geschmackserfahrung doch so richtig will sich mein Gaumen nicht festlegen. Die restlichen Inhaltsstoffe kennt Bernice selbst nicht. Aber manchmal ist es vielleicht auch besser, wenn man nicht alles weiß. :o)

Kaum drei Stunden später trennen sich unsere Wege wieder. Ich bedanke mich für das nette Gespräch und verabschiede mich. In Dangriga frage ich mich durch, um zum Hafen zu gelangen an dem die Boote nach Tobacco Caye ablegen, wie mir mein Lonely Planet Reiseführer verspricht. Das Paradies ist zum greifen nah. Doch was mich erwartet, lässt auf eine nicht ganz unkomplizierte Überfahrt schließen. Der Hafen entpuppt sich als kleine Anlegestelle für eine Hand voll Fischerboote und genau die sind die einzige Transportmöglichkeit auf die ca. 30 Minuten entfernte Insel. Diese wird jedoch nur bei Bedarf, meist aber einmal täglich gegen Mittag angefahren. Eine nicht unerhebliche Randnotiz, die mir mein Lonely Planet leider vorenthalten hat. Verwöhnt von den halbstündlich verkehrenden Wassertaxis auf Caye Caulker und Ambergris Caye, habe ich diesmal natürlich kein Glück, wie mir einer der Fischer, die kaum älter als Mitte dreißig sind, zu verstehen gibt. Das letzte Boot für heute sei gerade von der Insel zurückgekehrt.
Da stehe ich nun und muss mich auf die Aussage eines Mannes verlassen, dem nicht nur ein gutes Geschäft bevorsteht. Auch optisch bin ich zunächst etwas gehemmt. Würde man Samuel L. Jackson in seiner Rolle als „Shaft“ in ein schmutziges weißes Unterhemd stecken und ihm einen Zahnstocher in den Mundwinkel schieben, man hätte eine ziemlich genaue Vorstellung von dem Typen, der gerade vor mir steht. „Captain Monk“ (wie er sich selbst nennt) bietet mir an, mich für schlappe 160B$ (rund 70,-€) mit seinem Boot auf die Insel zu bringen. Alternativ könne ich warten ob vielleicht noch andere Reisende auftauchen und sich der Preis dadurch reduziert. Natürlich ist allen Beteiligten klar, dass hier und heute niemand mehr auf die rund 150x150 Meter große Insel übersetzen wird, doch er möchte mir zumindest (augenscheinlich) eine Alternative bieten. Zugegebenermaßen fällt es mir noch etwas schwer das notwendige Vertrauen zu fassen und ich kann nicht behaupten, mich in meiner Situation besonders wohl zu fühlen. Aber ich versuche mir meine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen, handle den Preis auf etwas über 50,-€ runter und willige zähneknirschend ein.

Kurz darauf startet „Captain Shaft“ (wie ich ihn nenne) den Außenbordmotor und wir fahren raus aufs offene Meer. Die Küste von Dangriga rückt in weite Ferne und plötzlich komme ich mir verloren vor in dieser winzigen, schaukelnden Nussschale. Wind kommt auf und die Meeresoberfläche wird unruhig. Auf den spitz gezackten Wogen tanzen kleine Schaumkronen. Der Captain hat Mühe das Boot sicher durch die Wellen zu manövrieren und der Buck schlägt jedes Mal hart auf der Oberfläche auf. Wasser spritzt zu allen Seiten. Doch dann, endlich! In einiger Entfernung erspähe ich nun das winzige Stück Land, das mir für die nächsten Tage ein zu Hause sein soll. Zu den Seiten lugen kleine Häuser hinter den Palmen hervor, vielmehr ist durch das viele Grün nicht zu sehen. Nur noch wenige Meter, dann ist es geschafft. Wir legen an und ich verabschiede Shaft und meine 120B$. Heute leider kein Trinkgeld.

Die Insel ist so klein, dass ich zu allen Seiten das Meer sehen kann. Ich spaziere von einem Ende zum Anderen und brauche dafür nicht einmal drei Minuten. Schuhe sind dabei überflüssig, denn überall läuft man auf feinem Korallensand. Die Blätter der Kokospalmen rascheln leise im Wind und weiter unten schaukeln die Hängematten, die zwischen den Palmen gespannt sind. Hier lässt es sich bestimmt ein paar Tage aushalten. Doch fairerweise muss ich sagen, dass ich auch hier mein Inselparadies nicht finden werde. Dafür hätte ich wohl einige Jahre früher herkommen müssen, bevor man sich dazu entschieden hat, die Insel mit Holzhäusern zuzustellen, von denen einige heute keinen besonders guten Eindruck mehr machen. Da die Auswahl an Übernachtungsmöglichkeiten erwartungsgemäß stark begrenzt ist, quartiere ich mich in einem Bungalow der Tobacco Caye Lodge für 50US$ inkl. drei Mahlzeiten ein. Gute Entscheidung. Doch noch bevor ich Einspruch einlegen kann um auf Selbstverpflegung zu plädieren, fällt mir wieder ein wo ich mich befinde. Umdenken erforderlich, in vielerlei Hinsicht. Strom gibt’s erst ab ca. 17:00Uhr, da die lauten Generatoren tagsüber ausbleiben. Was nicht bedeutet, dass der Strom zwischendurch nicht auch mal für ne Weile ausfällt. Das Regenwasser wird über die Dächer in großen Wasserspeichern hinter den Häusern aufgefangen und stellt so die Wasserversorgung sicher. Tauchen kann man hier tatsächlich auch. Aber nur wenn der einzige Divemaster der Insel keinen Kater hat. Naja mal sehen wie ich mich hier zurechtfinde. Ich hoffe es wird nicht zu stressig ;o)



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