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"Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen! " (Johann Wolfgang von Goethe)

 

Mein Reisetagebuch 

Über mein Reisetagebuch möchte ich euch regelmäßig auf dem Laufenden halten und von meinen Erfahrungen mit Land und Leuten berichten. Inwiefern mir dies auch tatsächlich gelingt, hängt natürlich letztlich nicht allein von mir ab, da ich zumindest auf eine funktionierende Internetverbindung angewiesen bin. Ich bin aber recht zuversichtig, dass sich von Zeit zu Zeit eine Gelegenheit ergibt ein paar kurze Berichte einzustellen. Viel Spaß beim lesen!  

Neuigkeiten


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02.02.2015

Zweisam vereint

Es ist kurz nach 13:00Uhr an diesem zweiten Weihnachtstag und ich sitze am Flughafen von Roatan, einer der drei Bay Islands im Norden von Honduras. Ein sehr übersichtlicher Flughafen mit vielleicht vier oder fünf Check-In-Schaltern und einem Empfangsbereich für ankommende Gäste. Ich kenne mich inzwischen aus, denn erst zwei Tage zuvor bin ich selbst hier gelandet. Mit einer kleinen 10-sitzigen Propellermaschine und zwei weiteren Fluggästen ging es am Heiligen Abend Non-Stop von Belize City auf die Karibikinsel. Mein Weihnachten ist damit dieses Jahr recht unweihnachtlich ausgefallen und das trotz der hingebungsvollen Dekorationsbemühungen der Inselbewohner. Schon in Belize bin ich Menschen in Weihnachtsoutfits begegnet, dudelnden Lichterketten, die gnadenlos jedes Weihnachtslied entstellen und völlig überfrachteten Plastiktannenbäumen mit Kunststoffschnee – und das in einer Region dieser Welt, in der die meisten Menschen noch niemals Schnee oder auch nur einen Tannenbaum gesehen haben. Die Weihnachtsdekoration wirkt ebenso deplatziert wie die amerikanischen Weihnachtslieder, die von Rentieren, Schneemännern und Winterlandschaften erzählen. Einmal mehr werden die Bräuche der amerikanischen Nordhalbkugel blind und auf eine Art und Weise übernommen, wie sie unansehnlicher nicht sein könnte. Wieder einmal beraubt sich eine Nation ein Stück seiner eigenen Identität, indem es einfach eine andere kopiert.

Der Empfangsbereich in dem ich Platz genommen habe, besteht aus nicht vielmehr als einem kleinen Cafe, einer Bar und einigen Sitzreihen, die durch ein paar einheimische Herren Mitte fünfzig in Beschlag genommen wurden. Sie wollen die Ersten sein, die sich den Neuankömmlingen, mit der alles entscheidenden Frage „Taxi? Taxi?“ in den Weg stellen. Doch direkt am Ausgang, der von der Gepäckausgabe durch eine verdunkelte Schiebetür in den Empfangsbereich führt, haben sich bereits zahlreiche Hotelchauffeure, mit den Namensschildern ihrer Gäste in Stellung gebracht. Alles wartet gespannt auf die ersten Urlauber. Da öffnet sich die Schiebetür und ein älteres Ehepaar tritt zum Vorschein. Etwas orientierungslos schauen sie zu den Beschilderten, die sogleich wie wild mit der bemalten Pappe herumfuchteln und Namen in den abenteuerlichsten Ausführungen brüllen. Fast im selben Moment stürmen die Taxifahrer los und halten bereits das Gepäck von Herrn und Frau „Bijersmaaan“ (geschrieben: „Viersmann“) in den Händen.

Ich warte weiter und verliere mich unterdessen in Erinnerungen an die vergangenen Tage in Belize, an die ich mit sehr gemischten Gefühlen zurückdenke. Nachdem ich mich aus Tobacco Caye verabschiedet hatte, sah meine Reiseplanung den Besuch der Maya-Höhle „Actun Tunichill Muknal“ (kurz: ATM) vor, die sich laut der Karte meines Lonely Planet Reiseführers (Seite 246/247) in der Nähe von Punta Gorda, der südlichsten Stadt von Belize, befindet. Doch nachdem ich den Weg dorthin auf mich genommen hatte, musste ich mit Enttäuschung feststellen, dass es hier keine Höhle gibt. „Die liegt viel weiter nördlich, in der Nähe von Belmopan“, erfuhr ich schließlich durch einen anderen Reisenden. Die ratlosen Gesichter der Einheimischen hätten mich stutzig machen müssen. Ein Fehler den ich meinem bis dato treuen, 840-seitigen Wegbegleiter nur schwer verzeihen konnte. Nicht zuletzt da ich die letzten Tage, geplagt von Fieber, Kopf und Gliederschmerzen, Müdigkeit, Magenkrämpfen und Erbrechen, länger im Süden verbringen musste und mir dadurch der Besuch der Höhle letztlich gänzlich versagt blieb. „Eine Magenverstimmung“ versicherte mir der Quacksalber den ich im Placencia Health Center konsultiere und der mir daraufhin Buscopan, ein Mittel gegen Bauchschmerzen verschreibt. Tatsächlich jedoch waren es zwei Parasiten, wie sich bei einer genaueren Untersuchung herausstellen wird, die ich erst durch gezielte medikamentöse Behandlung wieder loswerden würde.

Die verdunkelte Schiebetür öffnet und schließt sich. Immer mehr Menschen kommen aus der Zauberkugel, doch der für den ich mein imaginäres Pappschild hochhalte ist nicht dabei. Fast zwei Monate ist es her, dass wir uns am Flughafen in Düsseldorf unter Tränen verabschiedet haben. Ein sehr emotionaler Moment, der mir immer noch die Luft abschnürt wenn ich daran zurückdenke. In den letzten acht Jahren haben wir alles gemeinsam bestritten. Doch diese Reise sollte ich alleine antreten. Seither nur Textnachrichten und hin und wieder ein Skype-Gespräch, das zwar Bilder und Worte aber keine Nähe vermitteln kann. Ich positioniere mich neu, denn ich möchte nicht im Schilderwald untergehen, noch vom Taxigeschwader im Eifer des Gefechts als Gepäckstück im Kofferraum verfrachtet werden. Dabei versuche ich erst gar nicht sie durch die Schiebetür bei der Gepäckausgabe zu erspähen. Wenn wir uns sehen, möchte ich keinen Moment mehr länger warten müssen. Keine Sekunde mehr, die ich sie nicht fest in meine Arme schließen kann, um sie nie wieder loszulassen. Die letzten dreißig Stunden habe ich mitgefiebert und gehofft, dass alle klappt. Der Flug nach Houston Texas, die Einreise in die USA (wer es kennt, weiß welch bürokratischer Akt dahinter steht), die anschließende Übernachtung und Weiterreise am nächsten Tag. Doch alle Zwischenmeldungen waren positiv. Kein Grund zur Sorge also. Oder doch? Ein Restzweifel bleibt. Langsam leert sich der Wartebereich des kleinen Flughafens. Die meisten Taxifahrer scheinen ein Opfer gefunden zu haben und der Schilderwald hat sich, bis auf wenige Ausnahmen, gelichtet. Vermutlich sitzen die gesuchten Gäste gerade auf der Rückbank eines Taxis und genießen die Inselrundfahrt zum unschlagbaren „Sonderpreis“. Ich schaue auf die Uhr, bereits fünfundvierzig Minuten sind seit der Landung vergangen. Doch als ich Aufblicke ist all das Warten vergessen. Plötzlich steht sie vor mir, klar und deutlich, ohne grobe Pixel oder Sprachverzögerung und lächelt mich an. Endlich. Ich halte sie im Arm, spüre ihre Wärme und ich fühle mich zu Hause. Die nächstn zwei Wochen verbringen wir gemeinsam auf der Karibikinsel Roatan – nur wir zwei und ganz ohne ausführlichen Bericht ;o)



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