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"Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen! " (Johann Wolfgang von Goethe)

 

Mein Reisetagebuch 

Über mein Reisetagebuch möchte ich euch regelmäßig auf dem Laufenden halten und von meinen Erfahrungen mit Land und Leuten berichten. Inwiefern mir dies auch tatsächlich gelingt, hängt natürlich letztlich nicht allein von mir ab, da ich zumindest auf eine funktionierende Internetverbindung angewiesen bin. Ich bin aber recht zuversichtig, dass sich von Zeit zu Zeit eine Gelegenheit ergibt ein paar kurze Berichte einzustellen. Viel Spaß beim lesen!  

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11.02.2015

Eine unbändige Kraft

Ich habe keine Ahnung was mich auf der anderen Seite erwarten wird. Ich weiß nicht wohin es mich verschlägt, wie lange ich bleibe oder wie sich von dort meine Weiterreise gestalten würde. Es ist jedoch unbestritten, dass das Festland von Honduras mit Abstand den schlechtesten Ruf in der Traveller Community genießt. Aber nicht nur da. Auch die Einheimischen anderer Länder Mittelamerikas vergleichen die Kriminalitätsrate ihrer Stadt gerne mit der von San Pedro Sula (Stadt in Honduras mit der höchsten Mordrate in 2012/13) oder Tegucigalpa (Hauptstadt von Honduras). Da wirkt die eigene Stadt doch gleich viel freundlicher, fast schon einladend. So als gehöre ein bisschen Mord und Totschlag halt einfach dazu. Aber in Sula, da sollte man sich in acht nehmen, da wohnen die wirklich schweren Jungs.
Alles ist wie immer eine Frage der Perspektive. Natürlich war niemand mit dem ich spreche je selbst vor Ort, egal ob Reisender oder Einheimischer und hat sich persönlich von den hiesigen Verhältnissen überzeugt. Wurde überfallen und ausgebraubt oder ist gar in einen Schusswechsel geraten, wie es einem die Statistik schließlich verspricht. Doch das schlechte Image hält sich hartnäckig und ist der Grund warum sich die meisten Reisenden mit einem Besuch auf den Bay Islands zufrieden geben oder lieber gleich einen Bogen um Honduras machen. Natürlich ist unbestritten, dass das Land Probleme hat. Aber in erster Linie sind die Banden- und Drogenkriege in den Großstädten der Grund für die schlechten Zahlen. Dinge, von denen ein Reisender jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit überhaupt nichts bemerkt, wenn er durch das Land zieht. Natürlich kann ich nicht behaupten, dass mich all das Gerede kalt lässt. Auch ich habe mir meine Gedanken gemacht, mich aber dazu entschlossen auch dem touristisch weniger erschlossenen Festland einen kurzen Besuch abzustatten. Viel Zeit habe ich nicht, nur ein paar Tage, aber die möchte ich bestmöglich nutzen.
Mit gemischten Gefühlen Blicke ich auf die kleine Küstenstadt, die nun unmittelbar vor mir liegt. Alles wirkt auf den ersten Blick wenig einladend und selbst der wolkenverhangene Himmel scheint mir sagen zu wollen, dass mich hier nichts erwartet. Hätte ich doch lieber direkt durchreisen sollen? Ich weiß es nicht. Aber am Ende ist es ein Grundsatz aus meiner Heimatstadt, der mich zuversichtlich auf die bevorstehenden Herausforderungen blicken lässt und mir ein Lächeln auf die Lippen legt: „Et hätt noch emmer joot jejange!“ (Es ist noch immer alles gut gegangen!).

Um die Weiterreise nach dem Ausstieg muss ich mir wie immer keine Sorgen machen, denn die „Taxistas“ stehen schon in den Startlöchern. In Mittelamerika fahren die meisten Taxis als „Collectivos“. Man darf sich also nicht wundern, wenn auf dem Weg weitere Fahrgäste aufgenommen werden, die in dieselbe Richtung müssen. Eigentlich eine gute Sache, die ich auch für zu Hause unterstützen würde. Die Fahrten werden dadurch nicht nur günstiger für jeden Fahrgast, sondern auch effizienter. Vorausgesetzt der Taxifahrer übertreibt es nicht mit der Anzahl der Fahrgäste. So fahre ich schließlich mit drei weiteren Frauen und ihren vier Kindern auf dem Rücksitz, während vorne noch ein weiterer Gast Platz genommen hat. Eines der Kinder klettert völlig unbedarft auf mir herum, als gehöre ich zum Fahrzeuginventar. Neben dem Taxifahrer selbst befinden sich somit neun (!) weitere Personen im Fahrzeug. Das übersteigt meinen bisherigen Mitfahrer-Rekord von fünf in einem Taxi. Natürlich passt das ganze Gepäck nicht einfach so in den Kofferraum und wird daher mit einer Schnur am offenen Kofferraumdeckel befestigt. Wird schon halten…hoffentlich. Ich zahle umgerechnet 0,80€ für die knapp 20-minütige Fahrt.

Das Hostel meiner Wahl, befindet sich in einer Seitenstraße. Die Häuser hier verbergen sich hinter hohen Zäunen, Stacheldraht und Gittertoren. Selbst die Klingeln und Briefkästen sind eingegittert. Man legt offensichtlich besonderen Wert auf den Erhalt seines Besitzes. Von jedem Grundstück schießt mir sogleich ein wütender Hofhund entgegen, der klar zu verstehen gibt wo die Grenzen verlaufen. Das „Moskitio EcoAventuras“ ist ein Hostel, das sich auf den ersten Blick nicht unbedingt durch ein gepflegtes Äußeres hervorhebt. Der Garten ist eine Baustelle bestehend aus alten Möbeln, gestapeltem Holz und rostigen Metallteilen. Eines dieser Teile scheint ein alter Jeep zu sein, den der Besitzer Jorge wohl tatsächlich wieder ans Laufen bekommen möchte. Mit halbem Oberkörper liegt er unter dem Fahrzeug doch irgendwie hat er mich kommen sehen. Jorge und sein Mitarbeiter Danilo empfangen mich sehr herzlich. Ich hatte mir dieses Hostel ausgesucht, da es verkehrsgünstig in der Nähe der Bus-Station sowie einer Mall und zahlreichen Fastfood-Ketten liegt. Gleichzeitig bietet das Hostel diverse Aktivitäten an, die mein Interesse geweckt haben. Das erste Abenteuer sollte auch nicht lange auf sich warten lassen.

Kaum zweieinhalb Stunden nachdem ich meinen Rucksack auf eines der neun Betten des sonst völlig unbewohnten Schlafsaals geworfen und mich umgezogen hatte, halte ich ein Paddel in der Hand und jage den Cangrejal River auf einer Stromschnelle der Kategorie IV hinunter. Zusammen mit William, einem Honduraner auf Entdeckungstour durch das eigene Land und unserem Guide Christiano, sitze ich auf der Außenkante eines massiven Schlauchbootes und versuche den Kommandos Folge zu leisten, ohne dabei selbst über Bord zu gehen. Mit einem Mal werden mir die ausführlichen Erklärungen und vielfach wiederholten Trockenübungen zu Beginn unserer Wildwasser-Rafting-Tour klar. Wir stürzen knapp zweieinhalb Meter in die Tiefe und eine riesige Welle flutet unser Boot. Jeder der es nicht rechtzeitig geschafft hat sich im Boot in Sicherheit zu bringen, wird gnadenlos weggespült. Das Wasser selbst stellt dabei noch nicht mal die größte Gefahr dar. Der Fluss ist an den meisten Stellen kaum tiefer als einen Meter. Die Strömung jedoch in Kombination mit den riesigen Felsen, die aus dem Wasser empor ragen, sind das eigentliche Problem. An ihnen schlagen die reißenden Fluten hart auf, bevor sie sich demütig an den Felsen vorbeiwinden. Das Schlauchboot ist kaum zu bremsen und wir haben größte Mühe die Stabilität zu halten. Doch dank der gezielten Anweisungen unseres Guides gelingt es uns schließlich auch dieses Hindernis zu überwinden. Eine absolute Teamaufgabe. Ich werfe einen Blick zurück und kann nicht glauben, dass wir da gerade herunter gerauscht sind. Zwischen den „Abgängen“ gibt der Fluss uns die Gelegenheit durchzuatmen und die atemberaubende Landschaft zu bewundern, die sich vor uns auftut. Meterhohe dicht bewachsene Hänge ragen links und rechts in die Höhe. Riesige Felsformationen, durch das Wasser über die Jahre geschliffen, erwecken den Eindruck, als hätte es hier schon vor Jahrhunderten so ausgesehen. Bunte Vögel fliegen krächzend über die Schlucht in deren Mitte der Fluss verläuft, der uns sogleich mit einem dumpfen Grollen den nächsten Abgang ankündigt.

Ebenso wie die Hinfahrt wird auch die rund zweistündige Fahrt zurück ins Hostel mit ebenjenem Jeep zurückgelegt der zuvor noch im Vorgarten des Hostels stand. Das Fahrzeug ist auf das wesentliche reduziert und besteht aus nicht vielmehr als einem metallenen Rahmen, vier Rädern und einem Lenkrad. Auf die Innenverkleidung ebenso wie auf die Fenster hat man im Laufe der Zeit verzichtet. Die Rückbänke wurden durch zwei einfache Holzbretter ersetzt. Angesichts der hier herrschenden Straßenverhältnisse, sicherlich ganz normaler Materialverschleiß.
Zurück im Hostel habe ich zwischenzeitlich Gesellschaft bekommen. Dan aus den USA und Chris aus Kanada. Beide Mitte zwanzig und natürlich nur auf der Durchreise. Trotz meines begeisterten Berichtes von der heutigen Rafting-Tour, lassen sie sich nicht von ihrer Reiseplanung abbringen. Bloß weiter, bloß weg hier. Die Übernachtung auf dem Festland nur ein übles Muss, das sich nicht vermeiden ließ.

Ich habe heute ein anderes Honduras kennengelernt. Eines das mich seine Kraft nicht durch Waffengewalt hat spüren lassen, sondern durch die Ungezähmtheit der Natur, die in diesem Land ohne Zweifel immer noch die größte Macht besitzt. Ich bin gespannt was mich noch alles erwartet….



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