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"Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen! " (Johann Wolfgang von Goethe)

 

Mein Reisetagebuch 

Über mein Reisetagebuch möchte ich euch regelmäßig auf dem Laufenden halten und von meinen Erfahrungen mit Land und Leuten berichten. Inwiefern mir dies auch tatsächlich gelingt, hängt natürlich letztlich nicht allein von mir ab, da ich zumindest auf eine funktionierende Internetverbindung angewiesen bin. Ich bin aber recht zuversichtig, dass sich von Zeit zu Zeit eine Gelegenheit ergibt ein paar kurze Berichte einzustellen. Viel Spaß beim lesen!  

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20.02.2015

Auf den Spuren von Kolumbus

Es regnet. Hier im Norden von Honduras regnet es viel zu dieser Jahreszeit. Mindestens einmal am Tag für ein bis zwei Stunden. Nichts desto trotz ist es warm. Das ist wohl auch der Unterschied zu Deutschland. Selbst wenn es regnet, lässt sich das bei achtundzwanzig Grad besser aushalten als bei drei. Ich beschließe, mich heute auf eigene Faust durchs Land zu bewegen und plane einen Besuch im rund drei Bus-Stunden entfernten Trujillo. Jene Küstenstadt in deren Nähe Christoph Kolumbus am 14. August 1502, auf seiner vierten und letzten Reise, erstmals das amerikanische Festland betritt. Auch William Walker, ein US-amerikanischer Abenteurer und Söldner, der vergeblich versuchte Mittelamerika zu unterwerfen, liegt hier begraben. Die Stadt war zudem immer wieder Schauplatz großer Schlachten zwischen den spanischen Eroberern und berühmten Piraten wie Henry Morgan. Bei Angriffen durch die Freibeuter wurde sie schließlich 1643 in Trümmern gelegt und erst nach mehr als 100 Jahren wieder aufgebaut. Ein Geschichtsträchtiger Ort also von dem ich mir erhoffe, dass er mich ein Stück mitnimmt in seine bewegte Vergangenheit.

Die Busfahrt gestaltet sich weniger beschwerlich als ich es zunächst annehme. Ich beanspruche gleich zwei Sitzplätze, denn der Bus ist kaum halb voll. Sehr ungewöhnlich für mittelamerikanische Verhältnisse. Nichts desto trotz spürt man die drei Stunden hinterher sehr deutlich im Gesäß. Vergangene Erfahrungen haben mich gelehrt, direkt bei Ankunft zu fragen, wann der letzte Bus zurück geht. Es kann sonst schnell passieren, dass aus dem vermeintlichen Ausflug ein längerer Aufenthalt wird, da vor Sonnenaufgang kein Bus zurückfährt. Fällt die Misere dann auch noch auf einen Sonn- oder Feiertag, darf man schon mal die Reiseplanung überarbeiten. Doch trotz meines weisen Vorausdenkens lerne ich auch diesmal wieder etwas dazu. Der letzte Bus geht nämlich schon um 14:30Uhr, also bereits in zwei Stunden. Merke: es kann Sinn machen sich bereits vor Reiseantritt über die Buszeiten zu informieren. Der Reiseaufwand von insgesamt sechs Stunden im Verhältnis zur Aufenthaltsdauer ist ernüchternd. Ich will das Beste aus meinen 120 Minuten machen und setze mich sogleich in Bewegung. Mit meinem ersten Schritt aus dem Busbahnhof beginnt es in Strömen zu regnen. Das Regencape um den Rucksack gestülpt und den Regenschirm über dem Kopf, mit zwei Händen fest umklammert, gehe ich über eine breite Straße in den Ort, direkt zum Strand.
Der Sand ist nass und das Meer wirkt ebenfalls nicht besonders einladend. Ich frage mich, ob Kolumbus mehr Glück hatte mit dem Wetter als er hier an Land ging. Kurz versuche ich mir vorzustellen, wie es hier zu jener Zeit ausgesehen haben muss. Doch die zahlreichen trostlos wirkenden Strandlokale und leuchtenden CocaCola-Werbeplakate um mich herum, machen jeden Versuch in die Vergangenheit zu reisen, zunichte. Ich bin sicher, bei diesem Anblick hätte Kolumbus auf die Entdeckung Amerikas verzichtet und wäre sofort wieder umgekehrt. Nichts desto trotz nutze ich die Gelegenheit für ein schnelles Mittagessen. Zum frittierten Hähnchen kommen Reis und Bohnen. Lecker!

Noch 60 Minuten bis ich wieder am Busbahnhof sein muss. Ich hatte mir fest vorgenommen, mir die „Fortaleza de Santa Barbara“ anzusehen, eine spanische Festung zur Verteidigung der Stadt gegen plündernde Seeräuber. Der Eintritt kostet 3US$. Stolzer Preis für ein paar alte Steine. Aber irgendwie muss der Wachmann, der mich von seinem Stuhl aus die ganze Zeit über im Auge behält, schließlich bezahlt werden. Ich trage mich ins Besucherbuch ein und sehe auf den ersten Blick, dass hier schon länger niemand mehr vorbei geschaut hat. Ich bin heute der einzige Besucher. Das Areal liegt auf einem Hügel, der es seiner Zeit den Verteidigern ermöglichte, die ankommenden Schiffe schon von weitem auf dem offenen Meer auszumachen und die schweren Kanonengeschütze in Stellung zu bringen. Einige der Kanonenrohre lehnen immer noch, auf das Meer gerichtet, an der kleine Mauer die das Gelände umgibt. Ich knie mich neben das alte Eisenrohr und schaue aufs Meer. Stelle mir vor, wie am Horizont große schwarze Segel auftauchen, mit Kurs auf das Festland. Wie die spanischen Verteidiger, wild durcheinander an die schweren Eisengeschütze hetzen, sie in Stellung bringen und mit einem ohrenbetäubenden Knall abfeuern. Die handtellergroßen Bleikugeln flogen hunderte Meter weit und müssen enorme Löcher in den Schiffsrumpf gerissen haben – vorausgesetzt sie trafen. Das Schicksal der Stadt Trujillo konnten sie dennoch nicht abwenden.
Ich schaue mich noch ein wenig auf dem Gelände um und lasse die Vergangenheit auf mich wirken. Doch schließlich wird es Zeit für mich zu gehen. Der letzte Bus nach La Ceiba fährt in wenigen Minuten los. Für eine Besichtigung der Grabstätte von William Walker, etwas außerhalb der Stadt, bleibt keine Zeit mehr. Nicht so schlimm, ich kann ihn sowieso nicht leiden.

Ich sitze im Bus und frage mich, ob es den Aufwand wert war hier her zu kommen. Nüchtern betrachtet stehen sechs Stunden Busfahrt einem nicht sonderlich schönen Strandabschnitt im Regen und ein paar alten Kanonenrohren entgegen. Zu Hause in Deutschland wäre ein vergleichbarer Ausflug mit hoher Wahrscheinlichkeit einem vernichtenden Urteil zum Opfer gefallen. Investition und Aufwand stehen in keinem guten Verhältnis zum erhaltenen (Erlebnis-)Wert. Doch auf einer Reise wie dieser beginnt man die Dinge anders zu bewerten. Trujillo war nicht das Ziel. Nur der Grund, mich an diesem Tag in den Bus zu setzen und mich auf den Weg zu machen. Auf den Weg neue Eindrücke zu gewinnen, neue Erfahrungen zu sammeln und neue Erinnerungen zu schaffen. Denn das sind die kleinen Puzzlestücke die sich am Ende zu einem Bild zusammenfügen, das ich als meine Reise bezeichne.

Während mir der Tag durch den Kopf geht und ich auf der Fahrt in meinem Lonely Planet herumblättere, lese ich, dass die Strecke nach Trujillo eine beliebte Route für den Transport von Drogen in den Dschungel von La Moskitia ist. Von dort werden die Drogen anschließend per Boot weiter in Richtung Norden transportiert. Polizeikontrollen sind daher an der Tagesordnung. Heute scheinen die Kuriere frei zu haben oder die Polizei schaut mal nicht so genau hin. Ich komme jedenfalls nicht in eine einzige Kontrolle.
Zurück in La Ceiba beschließe ich einen kurzen Abstecher in das nahegelegene Einkaufszentrum zu machen. Ein Ort der so wenig hierher passt wie eine Skihalle nach Dubai. Das zweistöckige Gebäude macht von außen einen eher unscheinbaren Eindruck. Innen jedoch ist es mit einem deutschen Einkaufszentrum durchaus vergleichbar. Rolltreppen, Massagestühle, Fressbuden und jede Menge Geschäfte für groß und klein. Alles voll klimatisiert versteht sich. Es wird schnell klar, dass sich 80% der Menschen in Honduras hier nicht mal das Parkticket leisten könnten, denn auch die Preise haben europäische Ausmaße. Ich halte Ausschau nach ein paar neuen FlipFlops und gebe die Suche sogleich wieder auf, als ich ein Paar von Tommy Hilfiger für umgerechnet 32,-€ in der Hand halte. Scheinbar übersteigt dieses Einkaufszentrum auch meine finanziellen Möglichkeiten. Noch ein McDonalds „Frust“-Eis auf die Hand und dann zurück ins Hostel.

Kaum habe ich es mir bequem gemacht, springt die Türe zu meinem Zimmer auf und ich bekomme vier neue Mitbewohner. Aus Deutschland wie sich schnell herausstellt. Wenn ich es vermeiden kann, oute ich mich nicht sofort als Landsmann. Ich lausche gern den unbehelligten Gesprächen, da ich so etwas über die Menschen erfahre. In diesen Momenten sind sie am ehrlichsten. Dabei würde ein Blick auf meinen „Deuter“-Rucksack bereits genügen, um mich als deutschsprachig zu enttarnen. Die wenigsten sind jedoch so aufmerksam. Auch diese vier haben nicht vor lange zu bleiben, erfahre ich wenig später. Auch sie sind nur auf der Durchreise nach Utila, der kleinen Schwester-Insel von Roatan. Ich erzähle Ihnen vom Wildwasser Rafting und der Kayak-Tour in der Laguna de Cacao, die ich gestern mit Danilo und drei weiteren Naturbegeisterten unternommen habe. Doch all das besitzt auch diesmal nicht genügend Anziehungskraft um die Reisepläne zu ändern. Ich spare mir jeden weiteren Versuch, Werbung für das Festland zu machen. Ich weiß auch gar nicht, was mich zum Marketing Beauftragten gemacht hat. Aber aus irgendeinem Grund möchte ich die Leute für das Festland und die Aktivitäten vor Ort begeistern. Am Ende ist es vielleicht nur der Wunsch, dass auch andere Reisende diese großartigen Erfahrungen machen dürfen, wie ich sie in den letzten Tagen gemacht habe. Morgen steht mein vorerst letztes Abenteuer hier in La Ceiba auf dem Plan. Ich habe mich bei Danilo für eine Wanderung durch den Pico Bonito Nationalpark angemeldet. Ich weiß nicht was ich mir dabei gedacht habe. Aber dieser Ausflug wird mir alles abverlangen…



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