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"Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen! " (Johann Wolfgang von Goethe)

 

Mein Reisetagebuch 

Über mein Reisetagebuch möchte ich euch regelmäßig auf dem Laufenden halten und von meinen Erfahrungen mit Land und Leuten berichten. Inwiefern mir dies auch tatsächlich gelingt, hängt natürlich letztlich nicht allein von mir ab, da ich zumindest auf eine funktionierende Internetverbindung angewiesen bin. Ich bin aber recht zuversichtig, dass sich von Zeit zu Zeit eine Gelegenheit ergibt ein paar kurze Berichte einzustellen. Viel Spaß beim lesen!  

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25.02.2015

Du bist was du isst

Der Regenwald von Honduras liegt üppig und grün vor uns, auf der anderen Seite des Flusses. Die einzige Verbindung ist eine rund 200 Meter lange Hängebrücke, die in einer beachtlichen Höhe über den Fluss führt. Sie ist das Eingangstor in den Nationalpark Pico Bonito, der sich auf über 1000km² erstreckt. Man kann nur hoffen, dass ihre Erbauer ihr Handwerk verstehen, wenn man bedenkt, dass es keinen TÜV oder etwas Ähnliches in Honduras gibt. Aber getreu dem heimischen Grundsatz („Et hätt noch emmer…“) wackeln wir frohen Mutes auf die andere Seite. Unser Ziel ist ein Wasserfall der über zwei Wege durch den immer feuchten Regenwald erreichbar ist. Der linke, etwas kürzere und besser ausgebaute Weg… und der den wir nehmen. Danilo schreiten mit zügigen Schritten über den matschig feuchten Waldboden. In der einen Hand die Machete und auf dem Rücken einen kleinen wasserfesten Seesack, dessen Inhalt unser Überleben sichern soll. Doch schon auf dem Hinweg, wenige Minuten zuvor, stellte sich heraus, dass sein „1. Hilfe-Notfallset“ nicht mehr beinhaltet als ein Fisher-Price Doktorkoffer. Als nämlich auf der Schotterpiste vor uns, ein Junge im Salto Mortale von seinem Fahrrad fliegt und den Aufprall mit seinem Gesicht abbremst, muss ich mit einer Bandage, einem alkoholischen Antiseptikum und all meinen Pflastern aushelfen. Danilo, sichtlich bestürzt über die Nutzlosigkeit seines Equipments, war allen Ernstes der Meinung jemand hätte seinen (Desinfektions-) Alkohol ausgetrunken. Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen. Den Jungen und sein Fahrrad verfrachteten wir sogleich auf einen vorbeikommenden Pickup, der ihn ins nächste Dorf brachte.

Ein schmaler Trampelpfad führt uns nun bereits zwei Stunden unbarmherzig bergauf. An seiner Statur und dem sportlichen Tempo erkenne ich, dass Danilo solche „Spaziergänge“ nicht viel ausmachen. Später erfahre ich, dass er drei Jahre in der honduranischen Armee gedient hat. Auf dem Weg hält er immer wieder an und erzählt mir Wissenswertes über den Regenwald. In den Händen hält er plötzlich ein unscheinbares grünes Gewächs, aus dessen unteren Ende eine milchige Flüssigkeit tropft. „Der Saft dieser Pflanze kann dich innerhalb weniger Stunden töten“, behauptet er. Seine Aussagen klingen immer ein wenig dramatisch. Die Eigenschaft dieser Pflanze haben sich die Indigos bei der Jagd zunutze gemacht indem sie ihre Pfeilspitzen darin tränkten. Diese Pfeilspitzen wiederum entstammen der Rinde eines Baumes, an dem man sich besser nicht abstützt. „Pass immer auf an welchem Baum du dich festhältst wenn du durch den Dschungel wanderst“ lautet sein Ratschlag. Er deutet auf einen Stamm, der übersät ist mit langen nadelspitzen Dornen, die man sich nur ungerne aus dem eigenen Fleisch ziehen möchte. Ein paar Meter weiter greift Danilo beherzt in einen Haufen dunkler „Erde“, die auf einem Ast zu liegen scheint und hält ihn mir vor die Nase. „Willst du probieren?“ fragt er mich und erwartet nichts anderes als meinen skeptischen Gesichtsausdruck. „Termiten“ sagt er, „Hervorragende Proteinquelle und ein natürliches Insektenschutzmittel. Einfach auf der Haut verreiben.“ Danke, gut zu wissen. Wenn sich mein Spray dem Ende neigt, fülle ich die Flasche einfach mit ein paar Termiten nach.
Auf seine Art und Weise ist Danilo ein interessanter Zeitgenosse und irgendwie mag ich ihn. Ich fange an Fragen zu stellen und erfahre, dass Danilo erst siebenundzwanzig Jahre alt. Wie sein Vater und seine drei Brüder vor ihm, ist auch er nach Beendigung der Schule zum Militär gegangen. Die beste Alternative für Jugendliche ohne Perspektive – und davon gibt es viele in Honduras. Weiterführende Schulen oder gar der Besuch einer Universität sind der wohlhabenderen Bevölkerungsschicht vorbehalten - unabhängig von persönlicher Eignung. Wer die monatlichen Gebühren aufbringen kann, kommt weiter im Spiel des Lebens. Alle anderen müssen leider aussetzen. Während seiner Zeit beim Militär nehmen „Sie“ Kontakt zu ihm auf und fragen, ob er nicht für Sie arbeiten möchte. Er müsse zunächst nicht viel mehr tun als wegsehen, wenn mal wieder ein LKW voll weißem Pulver die Kontrollstelle passiert. Die Drogenkartelle locken mit 500US$ pro Woche. Ein enormer Verdienst, selbst für jemanden aus der Mittelschicht. Es ist schwer zu glauben, dass sich ein sechszehnjähriger Honduraner einem solchen Angebot entziehen kann. „Aber ich bin nicht eingestiegen“ sagt er. „Wenn du einmal ihr Geld nimmst, kommst du da nicht mehr raus“. Alles klingt wie aus einem Mafia-Film. Den Grund für seinen Ausstieg aus dem Militär erfahre ich nicht, nur das drei seiner vier Brüder sowie sein Vater bei Anti-Drogeneinsätzen ums Leben kamen. Sicherlich auch ein Grund dafür, dem „Dienst an der Waffe“ den Rücken zu kehren. Heute ist Danilo Guide und hat dafür sogar eine Ausbildung absolviert. In sechs Monaten erwartet er seinen ersten Sohn.

Mit zunehmender Dauer unserer Wanderung verkürzen sich unsere Gespräche, da meine Antworten kurz(atmig) ausfallen. Die letzten paar hundert Meter geht es nur noch ums überleben. Ich kann kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen und stolpere immer wieder über Steine und Wurzeln. Meine Beine sind schwer wie Blei und ich schwitze über das ganze Gesicht. Meine winzige 0,5Liter Wasserflasche habe ich schon vor einiger Zeit restlos geleert. Seine wagen Zeitangaben sollen mich bei Laune halten. Doch mit dem dritten „Only five more minutes“-Versprechen ist meine Motivation im Keller. Gerade als ich kurz davor bin, eine Pause einzufordern, höre ich ein dumpfes Grollen. Endlich, der Wasserfall. Noch ein paar Meter und ich stehe direkt vor ihm. Ich blicke auf und sehe Millionen Kubikmeter Wasser rund vierzig Meter in die Tiefe gleiten. Dieser Anblick muss Danilo an ein dringendes Bedürfnis erinnert haben, denn er hechtet sogleich außer Sichtweite. Ich bleibe zurück, schließe die Augen und genieße die Einsamkeit die mich umgibt. Niemand der spricht oder posiert für das nächste Facebook Profilfoto. Ich spüre die feuchte Luft die mich umgibt, lausche dem alles übertönenden Sound des Wassers und genieße den kühlen Wind, den die herabstürzenden Wassermassen erzeugen. Dieser Moment entschädigt für alle Strapazen.

Auf dem Rückweg halten wir in einem kleinen Garifuna Dorf Namens Sambo Creek um etwas zu essen. Der Jeep klappert sich seinen Weg durch die engen Gassen, vorbei an den bunten Holzhäusern und ist dabei so laut, dass jeder im Dorf mitbekommen haben sollte, dass wir kommen. In einem unscheinbar wirkenden Lokal verspricht Danilo mir die beste Suppe zu einem unschlagbaren Preis. Wir sitzen draußen, damit er eine Zigarette rauchen kann. Ich bestelle dasselbe wie er, da mir das Wort „Caracol“ irgendwie vertraut erscheint – allerdings will mir seine Bedeutung einfach nicht in den Sinn kommen. Wenig später halte ich einen riesigen Teller „Caracol“-Suppe mit Reis in der Hand. Eigentlich gar nicht schlecht, doch die riesigen, gummiartig frittierten „Lappen“ darin lassen noch einige Fragen offen. Es dauert nicht lange und die Kinder des Dorfes bemerken unsere Anwesenheit. Kurz darauf hat Danilo zwei auf dem Schoß und drei an der Hand ,mit der er zu essen versucht. Die anderen acht warten wohl nur noch auf ihre Chance am Geschehen teilzuhaben. Ich schaue mir das Schauspiel sichtlich belustigt, von der anderen Seite des Tisches an, denn an den Fremden mit der blassen Haut und den gelben Haaren trauen sie sich noch nicht so recht heran. Danilo versucht sie unterdessen mit einer Drei-Liter-Flasche Coca Cola zu bestechen. Doch der Plan geht nach hinten los, denn die Cola lockt nur noch mehr Kinder an, die nun aus allen Winkeln des Dorfes angerannt kommen. Ich beschließe mein Essen aufzugeben (es war ohnehin zu viel) und biete es den Kindern an, die daraufhin zu viert meinen Stuhl belagern und versuchen die Suppe zu löffeln - gleichzeitig. Das Chaos erreicht seinen Höhepunkt als eines der Kinder mit Danilo‘s Suppenteller zu flüchten versucht und dabei (natürlich) das meiste verschüttet. Wir bezahlen und machen uns aus dem Staub. Hier ist nichts mehr zu retten.

Für den nächsten Tag ist meine Weiterfahrt geplant. Bei meiner Recherche bin ich im Internet auf einen Shuttle-Service gestoßen, der eine direkte Verbindung nach Leon in Nicaragua anbietet. Wie für mich gemacht. Die Fahrt ins Nachbarland mit öffentlichen Verkehrsmitteln hätte für mich nicht nur einen Besuch in San Pedro Sula, sondern wahrscheinlich auch eine Übernachtung in der Hauptstadt Tegucigalpa bedeutet. Insofern bin ich dankbar für diese Möglichkeit. Nichts desto trotz möchte ich ein kurzes Feedback zum Shuttle-Service für alle Reisenden hinterlassen. Das „Turnabe“-Shuttle wird im Internet hochgelobt, doch ich habe leider weniger gute Erfahrungen gemacht. Nicht nur dass der Bus fast zwei Stunden zu spät war (natürlich ohne Bescheid zu sagen). Er war zudem bis auf den letzten Platz vollgestopft. Der „letzte Platz“ ist in dem Fall der Reserve-Klappsitz direkt an der Tür. Ich nenne ihn auch gerne den A….loch-Platz. Ich möchte mich hier gar nicht über fehlenden Komfort beschweren. Aber diesen Platz wünscht man einfach niemandem für eine Fahrt von mehr als dreizehn Stunden. Auf ins Vergnügen!

Auf Wiedersehen Honduras! Leider hatten wir nicht genügend Zeit um uns ausreichend kennen zu lernen aber ich werde dich in guter Erinnerung behalten.


PS: Inzwischen weiß ich auch was „Caracol“ bedeutet und werde es sicher so schnell nicht wieder vergessen. Denn „Schneckensuppe“ hätte ich mir vorher wahrscheinlich nicht bestellt.



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