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"Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen! " (Johann Wolfgang von Goethe)

 

Mein Reisetagebuch 

Über mein Reisetagebuch möchte ich euch regelmäßig auf dem Laufenden halten und von meinen Erfahrungen mit Land und Leuten berichten. Inwiefern mir dies auch tatsächlich gelingt, hängt natürlich letztlich nicht allein von mir ab, da ich zumindest auf eine funktionierende Internetverbindung angewiesen bin. Ich bin aber recht zuversichtig, dass sich von Zeit zu Zeit eine Gelegenheit ergibt ein paar kurze Berichte einzustellen. Viel Spaß beim lesen!  

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02.03.2015

Willkommen in Panama

Inzwischen habe ich bereits sechs Länder auf meiner Reise durch Mittelamerika hinter mir gelassen. Einige habe ich dabei intensiver erlebt als andere, doch jedes hat auf seine Art einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Nun bin ich im letzten, im siebten Land angekommen - Panamá. Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass zwischen Honduras und Panama noch ein paar Kilometer Land (und ein großer See) liegen. Da ich jedoch mit meinen Reiseberichten nun bereits einige Wochen zurückliege, habe ich beschlossen, meine Erfahrungen und Erlebnisse aus Nicaragua und Costa Rica zu einem späteren Zeitpunkt mit euch zu teilen.

Schon bei der Einreise heißt mich Panama auf seine ganz eigene Art und Weise willkommen. Anders als der Grenzübergang in Paso Canoas, ist der Landeswechsel in Guabito-Sixaola an der Karibikküste vergleichsweise entspannt. Einfach über eine der zwei großen Eisenbrücken den Fluss überqueren und auf der anderen Seite den Einreisestempel abholen. So würde es wohl normalerweise laufen. Doch kaum aus dem Bus, werden alle Fahrgäste einen schmalen Trampelpfad entlang, Richtung Brücke geführt. Es geht jedoch nicht wie erwartet auf die Brücke, sondern darunter. Spätestens jetzt versagen die Kofferrollen auf dem lehmigen Untergrund und jeder bekommt das Gewicht des eigenen Gepäcks zu spüren, während wir die Böschung hinunterklettern. Für meinen Rucksack und mich keine besondere Herausforderung, für die meisten anderen Mitreisenden durchaus. Unten angekommen, warten bereits drei kleine Boote am Flussufer, die uns mit unserem Gepäck auf die andere Seite bringen sollen. Die ganze Situation wirkt alles andere als routiniert und alle fragen sich in diesem Moment nur eines: wieso um alles in der Welt gehen wir nicht einfach zu Fuß über diese Brücke direkt über unseren Köpfen? In den Gesichtern einiger Mitreisender machen sich nun die ersten Zweifel bemerkbar. Sollen sie dort jetzt wirklich einsteigen oder doch lieber nach einer Alternative suchen? Der Herdentrieb, der kulturübergreifend in jedem Menschen tief verwurzelt zu sein scheint, führt schließlich dazu, dass alle brav Platz nehmen. Keiner der Einheimischen fühlt sich unterdessen genötigt die Situation aufzuklären, wodurch alles noch mysteriöser und irgendwie nur halb legal wirkt. Aber alles passiert unter den Augen hunderter Menschen, die auf den beiden Brücken herumspazieren und zuschauen. Auf der anderen Seite kämpfen sich schließlich alle wieder mit ihrem Gepäck den Weg hinauf. Mich würde es nicht wundern, wenn oben nun die Handschellen klicken und alle wegen illegaler Einreise festgenommen werden. Tatsächlich interessiert sich jedoch niemand für die Menschen, die nach und nach aus dem Gebüsch springen. Also vielleicht doch alles ganz normal? Nicht ganz. Wie sich später herausstellt, wurden beide Brücken im Rahmen einer Demonstration durch eine der vielen indigenen Völkergruppen Panamas besetzt und blockiert. Das erklärt warum hunderte Menschen den Fluss auf eine ganz herkömmliche Art und Weise überqueren und wir uns wie illegale Einwanderer aufführen müssen. Das Auftreten der „Demonstranten“ entspricht jedoch nicht im Entferntesten dem, was man in Deutschland unter einer Demonstration versteht. Keine aggressive Atmosphäre, keine Auseinandersetzungen mit der Polizei und keine Plakate oder Sprechchöre. Auf der Brücke spielen Kinder, Frauen in traditioneller bunter Kleidung schlendern auf und ab und Männer in Cowboyhüten lehnen lässig am Brückenpfeiler während sie eine Zigarette rauchen und unsere Einwanderung beobachten. So kann man also auch seine Meinung vertreten. Ob man sie auch hören wird, ist natürlich eine andere Frage.

Der für mich spannende Teil steht mir jedoch noch bevor, denn natürlich brauche ich einen Einreisestempel. Während die Flussüberquerung noch im „grenzfreien Raum“ zwischen beiden Ländern stattfand, wäre jeder weitere Schritt ohne besagten Stempel, ab sofort tatsächlich illegal. Ich stelle mich in die Schlange am Einreiseschalter und werde auch nach dem inzwischen siebten Grenzübergang immer noch ein klein wenig nervös. Denn auch wenn die Ein- und Ausreise an der Grenze jedes Mal einem Routineprozess folgt, entscheidet letztlich der Grenzbeamte ob er heute Lust auf Routine hat oder nicht. Nach meiner Negativerfahrung an der Grenze zwischen Nicaragua und Costa Rica, will ich diesmal ganz sicher gehen. In Gedanken gehe nochmal alles durch. Reisepass (mit Ausreisestempel von Costa Rica): Check! Rückflugticket: Check! 500Dollar in Bar: Check! Kreditkarten: Check! Freundliches Lächeln am Einreiseschalter: Double-Check! Panama hat die aufwendigsten und in meinen Augen, unsinnigsten Einreisebestimmungen überhaupt. Insbesondere die Notwendigkeit, 500 US Dollar in bar vorlegen zu müssen, wenn man aus dem Nachbarland einreist, ist ein gefundenes Fressen für jede Art von Verbrechen in dem Geld eine Rolle spielt. Doch diesmal will ich kein Risiko eingehen und erfülle alle Notwendigkeiten. Diesmal konnte einfach nichts mehr schiefgehen. Ich bin bereit, warte nur auf die Frage nach meinem Rückflugticket, die mich beim letzten Mal fast die Einreise nach Costa Rica gekostet hätte. Warte auf die Aufforderung meine Liquidität zu belegen, die ich mit fünfundzwanzig 20-Dollar-Noten in meiner Bauchtasche beantworten will. Meine Konzentration gilt einzig und allein dem Geschehen hinter der Glasscheibe des kleinen Schalterfensters. Gespannt fokussiere ich jede Bewegungen des Grenzbeamten, als ich ihm meinen Pass durch das kleine Fenster reiche. Mit einem müden Lächeln würdigt er meine Anwesenheit, zieht den Pass durch das elektronische Lesegerät, Stempel rein, der Nächste bitte. Willkommen in Panama.

Das Land ist für mich, ähnlich wie Guatemala, ein besonderes auf meinem Weg durch den Mini-Kontinent. Denn hier wird meine fast fünfmonatige Reise in wenigen Wochen zu Ende gehen. Aus diesem Grund möchte ich hier auch meinem Wunsch nach einer Tätigkeit in einem Freiwilligenprojekt nachkommen und mich damit gleichzeitig einer neuen und letzten großen Herausforderung stellen. Seit meinem Besuch bei „Nuestro Futuro“ in Guatemala steht für mich auch fest, wie diese Arbeit aussehen soll. Der Umgang mit Kindern macht mir seit jeher großen Spaß. Böse Zungen würden behaupten, das läge daran, dass ich manchmal selbst noch eines bin. :o) Es war nicht ganz leicht, doch letztlich habe ich ein Projekt gefunden, das zu mir passt. Zudem werde ich wieder bei einer Gastfamilie leben und so auch meine Sprachkenntnisse erneut auf die Probe stellen.
Natürlich möchte ich auch das Land bereisen und die vielen tollen Orte sehen, von denen mir andere Reisende berichtet haben. Doch letztlich werde ich mich entscheiden müssen, denn viel Zeit habe ich dafür in den nun verbleibenden knapp fünf Wochen nicht. Aus diesem Grund führt es mich daher zunächst für ein paar Tage an die Karibikküste Panamas, nach Bocas del Toro, bevor ich mich schließlich auf den Weg ins Hochland nach Boquete mache.

Im Bus nach Boquete erlebe ich erstmalig Spielfilm-Entertainment. Daran wäre noch drei Länder zuvor nicht im Traum zu denken gewesen. Dort hätte man die Bildschirme vermutlich zunächst eingegittert, damit sie nicht während der Fahrt abmontiert würden. Auf zwei winzigen Monitoren stehen drei Filme zur Auswahl: „The Avengers 2“, „Universal Soldier“ und „Stirb langsam 4.0“. Was nun folgt ist nicht etwa ein demokratischer Abstimmungsprozess. Der Beifahrer entscheidet, dass uns Bruce Willis, in seinem gescheiterten Versuch an alte Erfolge anzuknüpfen, von nun an eine Weile auf unserer Fahrt begleiten wird. Altersbeschränkungen werden hier maximal als ergänzende Filminformation wahrgenommen. Die Beschallung erfolgt über die Buslautsprecher. Das bedeutet, dass jeder der nicht entsprechend vorgesorgt hat, den nun folgenden Maschinengewehrsalven, Explosionen und lahmen Sprüchen, für die nächsten zwei Stunden gnadenlos ausgeliefert ist. Der Titel ist Programm, denn ein langsames dahinvegetieren ist somit garantiert. Ich entscheide mich für Musik aus meinem MP3-Player und schließe die Augen.
In David, der zweitgrößten Stadt Panamas muss ich den Bus wechseln. Die Busterminals sind auch hier recht übersichtlich und der neue Bus ist schnell gefunden. Dieser entspricht wieder eher dem Standard, den ich gewöhnt bin. Klapprige Sitze, kaputte Fenster und natürlich völlig überladen. Während wir uns die einsame Straße nach Boquete hochschlängeln, bekomme ich ein Gefühl dafür, was es bedeutet, wenn ein Ort einheitlich als „etwas ruhiger“ beschrieben wird. Doch ich bin auch dankbar für diese Ruhe und verspreche mir eine kleine Auszeit vom Reisealltag. Reisen ist ein Fest für die Sinne, ohne Zweifel. Doch die Fähigkeit neue Eindrücke aufzunehmen ist auch begrenzt. Die Sinne ermüden und der Fokus verengt sich. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass zunehmend alles ausgeblendet wird, was nicht ausdrücklich dem Erreichen des nächsten Reiseziels dient. Der Weg ist nicht länger das Ziel sondern das nächste Hostel. „Reiseblindheit“ stellt sich ein. Doch nicht nur die eigene Wahrnehmung wird eingeschränkt. Auch die Offenheit und Nachsichtigkeit gegenüber Menschen oder Situationen nimmt ab. Und so kann es passieren, dass sich der Geist gegenüber den Dingen verschließt, die man eigentlich zu finden versucht hat.

Ankunft in Alto Boquete. Durch die lokale Organisation „Habla Ya“, die mich vor Ort betreut, wurde ich bereits ein wenig auf die örtlichen Gegebenheiten vorbereitet. In dem Infoschreiben erfahre ich, dass die Familie etwas außerhalb von Boquete (in Alto Boquete) wohnt und dass sie ein kleines Geschäft haben. Zur Familie gehören außerdem zwei Kinder im Alter von fünfzehn und zweiundzwanzig, die ebenfalls im Haus wohnen. Der Satz „Panama is a tropical country and we do have insects, but none that will kill or eat you.“ gibt mir zusätzliche Sicherheit. Gott sei Dank! Keine Insekten die mir nach dem Leben trachten. Ich frage mich, wie wohl die Überschrift des Zeitungsartikels lauten würde, sollte sich diese Prognose nicht bewahrheiten.
Rolando und Sara, die Eltern meiner Gastfamilie umarmen mich herzlich zur Begrüßung. Ich fühle mich gleich wohl. Das Haus ist ebenerdig mit einer kleinen Veranda. Ihr Laden ist Teil des Wohnhauses und versorgt die Nachbarschaft sieben Tage die Woche mit alltäglichen Dingen, von Platanos (Kochbananen) bis papel higiénico (Klopapier). Mein Zimmer befindet sich in einem kleinen Anbau hinter dem Haus. Ich habe nicht nur ein eigenes Badezimmer mit Warmwasserdusche sondern auch einen eigenen Schlüssel, der es mir ermöglicht, mich unabhängig zu bewegen. Nicht in allen Gastfamilien selbstverständlich wie ich später noch erfahren werde.

Glücklich und Zufrieden sinke ich nach einem kurzen Kennenlern-Small-Talk mit meinen Gasteltern ins Bett. Ich bin nicht in der Lage mich noch länger auf den Beinen zu halten obwohl es erst 21:00Uhr ist. Aber Moment mal, tatsächlich ist es ja schon 22:00Uhr! Zwischen Costa Rica und Panama werden die Uhren um eine Stunde vor- bzw. zurückgestellt. Perfekt, genau meine Zeit. Gute Nacht!



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